Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 8 (24.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-24
- Page
- Seite 29 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 29 „Du bist zornig “ „Wer ist zornig? Sprecht, was wollt Ihr?“ „Ich bitte dich — tu’ es mir zuliebe — bitte den Vater um Verzeihung, dann wirst du es bei ihm durchsetzen, daß dem Pächter nicht gekündigt wird, ich bitte dich! Versprichst du es mir?“ „Ich versichere Euch, Brajne — der Pächter wird bleiben! Ich nehme das auf mich, schon gut, jetzt laßt mich eine Weile allein.“ „Ich möchte aber, Motele, daß du zusammen mit mir nach Hause gehst —■“ „Was, Ihr habt Angst, daß ich nicht allein nach Hause finde?“ „Also vergiß nicht, komm bald!“ bat Brajne und wandte sich zum Weggehen; bald aber kehrte sie zufrieden um. „Richtig, ich habe ja ganz vergessen, Mordechai!“1 Unter der Schürze zog sie ein Paar Halbschuhe hervor: „Da, zieh sie an! Wenn die Mutter dich barfuß sieht, wird sie sich kränken!“ Mordechai wurde es warm, ihn beschämte Brajnes Treue und Ergebenheit; stumm, mit Tränen in den Augen, schaute er der Magd nach und war ihr dankbar. Er sah, wie im Osten um die aufgehende Sonne farbige Streifen am Firmament aufleuchteten, die mit Perlmutter eingelegt wa* ren; eine solche Leichtigkeit durchzog ihn, daß er sich selbst durchsichtig erschien. Niedergeschlagen schritt er durch den Wald; er dachte daran, daß Brajne ein besserer Mensch sei als er, und fühlte auf einmal eine Leere in der Herzgegend. Ob es deshalb war, daß er vor Rachel Schläge bekommen hatte, oder deshalb, weil er seinen eigenen Vater hatte schlagen wollen, er wußte es nicht; aber er war überzeugt, er würde schon nie mehr nach Hause kommen, sondern sich irgendwo in einer Höhle verstecken, dort sitzen und lernen — und Rachel?... Rachel wird ihm das Essen bringen! Und wenn die Zeit kommt, da er sich zu erkennen geben soll, da wird er Rachel rufen, ihr die schönsten Kristallpaläste, wie sie Könige und Fürsten haben, aufzeichnen; und dem Palast, der ihr am besten gefallen wird, dem wird er, so wie einst der Baalschem, befehlen, daß er samt Diener und Gesinde im Walde erstehe. Mit diesen Phantasien beschäftigt, ging Mordechai langsam weiter; je tiefer er in den Wald kam, desto größer wurde die Leere in seinem Herzen; sie drückte auf ihn wie eine schwere Last. Simche der Pächter kam ihm entgegen, ganz allein. Mordechai fuhr es durch das Hirn, wie er bei Nacht sich auf den Pächter gestürzt, ihn geschlagen, ihm mit den Fäusten das Gesicht bearbeitet hatte; er hatte in der Dunkelheit gesehen, wie des Pächters rotes Bärtchen zitterte; seine Augen wurden groß vor Schreck, aus dem Munde rann ihm Blut; bin ich besser als Kain? Kälte durchrieselte Mordechai. Er hatte Furcht vor der Begegnung mit des Pächters erschrockenen Augen; einen Augenblick blieb er wie gelähmt stehen und schaute auf Sittiches rötliches Bärtchen; plötzlich erinnerte er sich ganz deutlich seines Morgentraumes mit allen Einzelheiten; er atmete tief auf und es wurde ihm hell vor den Augen. Sollte das wahr sein? Mordechai hatte keine Zeit zu überlegen. Mit gesenktem Kopfe, wie ein gereizter Stier, ging er auf den Wagen los und hielt die Pferde an. Der Pächter sprang auf, sah sich um — er wollte wohl fliehen — und blieb in der Ecke des Wagens stehen. Er öffnete zwei entsetzte Augen wie einer, der seine letzte Stunde gekommen sieht, stieß einen Schrei aus, der nicht menschlich klang, und schlug auf Mordechai mit der Peitsche ein, wohin er gerade traf. Mordechai beugte den Kopf und nahm die Schläge ruhig hin. Als der Pächter merkte, daß Mordechai Stillstand und sich nicht bewegte, wurde seine Wut noch größer. Seine Furcht war verschwunden, und er fühlte mit einem Male, wie schwer er beleidigt worden war; mit jedem Hiebe, den er Mordechai mit der Peitsche versetzte, nahm er Rache für die Prügel in der Nacht, für die Tränen seiner Tochter. Und je länger der Pächter schlug, desto mehr wickelte sich der Knäuel von Schmach und Erniedrigung ab* der sich ihm im Laufe seines Lebens angesammelt hatte; seine Hand wurde frei, hemmungslos, als wäre sie gar nicht mehr am Arme befestigt. Mordechai rührte sich nicht; die vielen Schläge ließen ihn fast nicht mehr fühlen, wie sich die Peitschenhiebe in seinen Leib bohrten. Er ließ sich auf alle Viere nieder wie ein Jude, der Geißelung empfängt, und dachte daran, daß der Pächter ihm jetzt verzeihen würde, was er an ihm begangen; dann würde er mit Reb Itsche zum Vater gehen und jede Buße, die Reb Itsche ihm auferlegen würde, auf sich nehmen. Der Pächter hatte aufgehört zu schlagen. Vielleicht schämte er sich, daß Mordechai sich nicht wehrte, vielleicht hatten die Schläge seinen Zorn schon ganz gestillt und die Erniedrigung getilgt, die er sein ganzes Leben lang erduldet hatte. Er stand still auf seinem Wagen, sah mild und erschrocken drein, und