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Das jüdische Echo · 1929-05-24 · 8 (24.5.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 28

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
8 (24.5.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-05-24
Page
Seite 28 (sequence 2)
Language
German
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28 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 8 schwankte; da — es schien ihm, der Vater wolle hinfallen; Mordechai krampfte sich das Herz zusammen und er sprang auf. Er lief einige Schritte vorwärts, aber die Füße versagten ihm den Dienst, hungrig mit schmerzenden Gliedern wankte er zu Rachels Fenster zurück. Mit einem Satz war er im Zimmer. Der Hunger trieb ihn in die Küche; er öffnete den Speisekasten und nahm einen irdenen Topf mit dicker Milch und einen Laib Brot, das aus Korn und Kartoffeln gebacken war, heraus. So groß war sein Hunger, daß er eine Weile unbeweglich vor der Schüssel sitzen blieb. Atemlos wie ein hungriges Tier riß er dann* Stücke vom Brot, verschlang sie ohne zu kauen, und aß gierig die Milch dazu. Wohl erinnerte er sich, daß er aß, ohne gebetet zu haben, aber er war aufs Essen so erpicht, daß ihn nichts kümmerte. Nach dem Essen trank er Wasser aus einer Schöpfkanne und fühlte sich dann viel leichter. Eine angenehme Faulheit zog durch alle Glieder und nahm Besitz von ihm; er dehnte und reckte sich, breitete die Arme aus, und in seiner Sehnsucht wollte er die Wand umfassen und an ihr emporklettern. Rachels Bett mit den weißen Vorhängen zu beiden Seiten war aufgeschlagen; Mordechai warf sich darauf, wühlte sich tief hinein und schluchzte leise: „Rachel, Rachel...“ Vor dem Fenster erklang eine Stimme; Mordechai setzte sich hastig auf; als er Brajne erblickte, legte er sich sofort zurück. „Guter Gott, wo hat er sich da hingelegt? Schön, schön!“ Brajne stemmte die Arme in die Seiten und schüttelte den Kopf. „Ein besseres Lager konnte seine Heiratsfähigkeit nicht finden als Rachels Bett! Was schaust du mich so an?“ Mordechai _ drehte sich um und lächelte bitter: „Ist es schon spät, Brajne?“ „Spät, spät, es ist schon Tag in Pinczow!“ „Wer hat Euch hergeschickt, der Vater?“ „Wer braucht mich denn herzuschicken? Glaubst du, ich hätte schon gar keinen Verstand mehr? Hast du uns eine Nacht bereitet — der reine Tischa beaw!“ „Was, hat die Mutter geweint?“ „Nein, gefreut hat sie sich! Er fragt noch! Die Mutter hat geweint und gejammert und den Herrn mitten in der Nacht hinausgejagt, dich zu suchen.“ „Ist der Vater gegangen?“ „Guter Gott, wieviel Söhne hat der Vater? Im ganzen das eine Motele. Er hat wirklich die ganze Nacht kein Auge zugemacht, immerfort hat er dich gesucht.“ Mordechai fühlte einen Druck auf dem Herzen; im Munde hatte er einen salzigen Geschmack; er rieb die feuchten Augen und sprang vom Bett. Brajne knüpfte ihr dreieckiges Kopftuch zurecht, stützte die vom Kartoffelschälen zerschnittenen Hände auf das offene Fenster und seufzte: „Was für ein Drunter und Drüber in der einen Nacht! Mit dem Vater im Streit, dem Pächter will man kündigen, einem Juden sein ärmliches bißchen Brot nehmen; und glaube mir, am meisten tut mir das Herz um Rachel weh — ein so stilles, gutes Kind.“ „Wartet doch ab wie die Geschichte endet!“ sagte Mordechai aufgeregt. „Was meinst du?“ „Ich meine — glaubt mir, Brajne, es wird ihnen nichts helfen! Und wenn es mir ans Leben ginge, ich muß Rachel heiraten!“ „Ach, du redest blanken Unsinn,“ Brajne lächelte, „klüger als die ganze Welt kann man nicht sein! In der Welt, du verstehst, hat jeder seinen Stand, so ist es schon von alters her; du hättest wissen müssen, daß der Vater für keinen Fall mit dieser Heirat einverstanden sein wird und durftest dem armen Mädel nicht den Kopf verdrehen — wie heißt es doch in den heiligen Büchern? Du weißt es ja besser als ich! Ein armes jüdisches Mädchen gleicht einer Taube, sie wehrt sich nicht und streckt allein ihr Hälschen dem Messer entgegen.. .“ „Was wollt Ihr eigentlich von mir?“ schrie Mordechai auf. „Laßt mich in Frieden und geht nach Hause! Ich habe schon genug von Euch!“ „Gut, gut,“ Brajne schneuzte sich in ihre Schürze, „was ich dir Böses wünsche, das möge auf mein Haupt fallen; guter Gott! Ich habe dich doch gesäugt, gewiegt und aufgezogen, einen solchen Jungen, unberufen; du darfst mich nicht wegjagen! Und wenn du ein Unrecht tust, dann werde ich dir’s ganz ordentlich geben! Glaube mir, keiner hört uns ja, aber wie ich gehört habe, daß du den Pächter geschlagen hast, da hat mir das Herz wehgetan! Aber was geschehen ist, ist geschehen, vorbei, vielleicht habe ich nichts Besseres verdient!“ Brajne schneuzte sich wieder in ihre Schürze, wischte sich die Augen und seufzte noch schwerer: „Motele, ich habe eine Bitte an dich — aber du, sag’ nicht nein —“ „ Was denn?“

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