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Das jüdische Echo · 1929-05-24 · 8 (24.5.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 30

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
8 (24.5.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-05-24
Page
Seite 30 (sequence 4)
Language
German
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30 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 8 wer ihn so sah, wer in diese schmerzerfüllten jüdischen Augen sah, mochte schwerlich glauben, daß dieser Mann imstande gewesen war, auch nur einen Schlag zu führen. Der Pächter stammelte etwas, schaute Mordechai hilflos an und fuhr eilends davon. Mordechai war sicher, daß Simches letzte Worte gelautet hatten: „Verzeih mir.“ Der Berditschewer und der Antichrist Mordechai sah, wie der Pächter auf seinem Wagen in einer Staubwolke verschwand; das Klappern der Räder wurde schwächer, vermengte sich mit dem Geräusch des Waldes, und dann wurde es ringsum so still, daß es fast in den Ohren sauste. „Ich verzeihe dir, ich verzeihe dir“, flüsterte Mordechai unaufhörlich. Er blieb stehen, schaute auf den tiefblauen Himmel, sah, daß die farbigen Streifen um die Sonne verschwunden und nur da und dort einige bleiche Stücke Perlmutter verblieben waren, und wurde ruhig. Ruhig ging er heimwärts, sicher, daß er Verzeihung finden würde, und fühlte sich plötzlich als kleiner Knabe in Vaters Haus. An jedem Sabbat rief ihn der Vater in das Zimmer, wo die Thorarollen standen, und erzählte ihm vom Urgroßvater Reb Abraham, von der Großmutter Surele und vom Großvater Reb Mordechai, dessen Namen er trug. Der Großvater, Reb Mordechai, war ein stolzer Mann gewesen. Sein Nachbar, der Graf Kosinski, hatte einst einen Ball gegeben und zum Großvater geschickt, daß der ihm seinen Atlaskaftan und das Streimel borgen möge, er wolle sich als Jude maskieren, um seinen Gästen lustigen Zeitvertreib zu bieten; dafür wolle er dem Großvater nächstens gern gefällig sein. Reb Mordechai versprach dem Grafen, rechtzeitig das Nötige zu besorgen, und — schickte ihm Kutte und Gürtel eines Benediktiners. Seither hatten sie einander nicht mehr gegrüßt. Mordechai hatte den Großvater lieb; so oft er seiner gedachte, fühlte er sich stolz. Er hatte den Großvater nicht gekannt, aber aus den Erzählungen des Vaters stellte er sich ihn als einen großen Mann vor mit langem, angegrautem Barte, in einer schwarzen Samtweste, die bis zum Halse zugeknöpft war, wo sich der weiße Hemdkragen um sie legte. Als Mordechai älter wurde und die Bibel mit dem Raschi-Kommentar zu lernen begann, da legte ihm der Vater, so oft er beim Abhören einen Fehler machte, stets die Hand auf den Kopf und lächelte: „Aber die Großmutter, die hat alles gekonnt, ha, ha, ha!“ Surele war aus Großpolen, berühmt ob ihrer Gelehrsamkeit und ihrer Schönheit. Mit den Adeligen sprach sie französisch; sie hatte in der Familie eingeführt, daß an jedem Sabbat vor den Fischen Kaffee und Kuchen gegessen wurde. Die ganze Familie von Mordechais Seite wies stolz auf Surele hin und erzählte bei jeder Gelegenheit eine wunderbare Geschichte von einem „Schusterlehrling, der Kaiser geworden war“. Der Kaiser fürchtete, man könnte ihm seine Herkunft vorwerfen, deshalb eroberte er ein Reich nach dem anderen und wurde fast der einzige Herrscher über die ganze Welt. Und je mehr Länder er eroberte, desto mehr wünschte er, die Welt möge seine Herkunft vergessen; daher ließ er sich von seiner ersten Frau scheiden und heiratete eine Prinzessin; seither aber verließ ihn das Glück und es ging rasch abwärts mit ihm. Einmal im Winter, so erzählte die Familie, kam Rabbi Meirl zum Großvater in den Wald wegen irgendeines guten Werkes. Es war Anfang 1813. Reb Mordechai hielt Rabbi Meirl über Nacht zurück und saß allein mit ihm beim wärmenden Kamin; sie rauchten ihre langen Pfeifen und sprachen von den Weltereignissen. Rabbi Meirl vertraute dem Großvater an, Moschiachs Zeiten seien gekommen; den Juden stehen Verfolgungen bevor,, wie sie die Väter nie gekannt. Der „Schusterlehrling“ hat fast die ganze Welt erobert, er steht schon hinter Moskau und wird wohl bald den Russen ins Eismeer treiben. Aber er wird ein böses Ende nehmen — der Koznitzer Maggid ringt mit ihm schon seit dem letzten Jomkippur. Und hätte nicht der Rabbi von Berditschew, gesegnet sein Andenken,, in dem Jahre, da er dahinschied, stets ein inbrünstiges Gebet für den Sieg des „Schusterlehrlings“ eingeflochten, so hätte ihn der Koznitzer schon längst fest in Händen. Eine Prophezeiung all dessen hatte Reb Meirl in einem Midrasch gefunden, wo von dem siebenten Zeichen vor dem Erscheinen des Moschiach gesprochen wird. In dem . Midrasch heißt es: In Rom steht ein Marmorstein, der sieht aus wie eine Jungfrau von wunderbarer Schönheit; diesen Stein hat keine Menschenhand geformt, sondern Gott selbst hat ihn geschaffen. (Fortsetzung folgt)

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