Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 8 (24.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD)UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 7. Fortsetzung Leise stahl sich Mordechai zwischen den Bäumen vorwärts. Mit Herzklopfen und Freude merkte er schon von weitem, daß der Wagen nicht mehr da war; aber plötzlich, ohne daß er es wußte warum, fühlte er, daß ihm noch schwerer ums Herz wurde. Er kam zum Hause und fand Türe und Läden verschlossen. Mordechai konnte nicht glauben, daß sie noch schliefen und klopfte ans Fenster. Niemand antwortete. Er klopfte stärker an die Türe und horchte. Es war ihm, als hörte er Schritte, die öffnen gingen; aber keiner kam. Mordechai klopfte lange und bat leise, Rachel möge ihm wenigstens antworten, ihm ihr blasses Gesicht, ihre schwarzen Flechten, ihre Augen zeigen — aber niemand antwortete. Er riß den Laden auf und fand das Fenster offen, wie es nachts gewesen war. Das Zimmer war leer, beim Fenster stand ein zerwühltes Bett. Niedergeschmettert sank Mordechai auf der Schwelle des Hauses nieder, wischte sich den Schweiß von der Stirn, stützte den Kopf in beide Hände und sah sich nach allen Seiten um, als suchte er etwas; doch er sah gar nichts. Plötzlich bemerkte er, daß der Platz, wo der Wagen gestanden hatte, trocken war; es wurde hell in seinem Kopfe. Er sah nach Osten, es mochte etwa fünf Uhr morgens sein. Er war sicher — warum, das wußte er selbst nicht —, daß der Regen gegen vier Uhr aufgehört hatte. Wenn er jetzt den Schimmel sattelte und quer durch den Wald ritt, konnte er Rachel noch erreichen. Mordechai vergaß, wo er war; den Kopf in die Hände gestützt saß er auf der Schwelle und machte Pläne; Wie er langsam in den Stall geht, den Schimmel gesattelt herausführt und im Galopp durch den Wald sprengt. Das Pferd fährt beinahe aus seinem Fell, so schnell rast es vorwärts, springt über Gräben und Zäune und jagt wie ein böser Geist dahin, durchschneidet den Wald, durchfliegt die Chaussee, und von ferne ist schon der kleine Wagen zu sehen, vor den ein Pferd gespannt (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin; ist. Der Pächter sieht Mordechai und treibt sein Perd an; Mordechai streckt sich auf dem Schimmel, streichelt ihm Hals und Mähne, und der Schimmel greift mit seinen Beinen mächtig aus, drückt halbmondförmige Spuren in den Weg, und Rachel, ganz verweint, streckt die Arme nach Mordechai, noch ein Satz und... Peitschenknall erklang. Mordechai zitterte, sah sich um und erblickte Wacek, der die Kühe aus den Ställen trieb. Er stand auf und wollte auf Wacek zugehen. Da sah er den Vater, der, die Mütze auf dem Kopfe, seitwärts stand und ihn anschaute. Beide blickten einander eine Sekunde lang an. Mordechai war es, als hätte ihm jemand einen Schlag mitten ins Herz versetzt; er wankte von einem Fuß auf den andern und ließ sich wieder auf der Schwelle nieder. Und obwohl er sicher war, der Vater würde nicht auf ihn zugehen und ihn nicht ansprechen, so zitterte er doch am ganzen Körper aus Furcht vor sich und wartete atemlos auf irgend etwas. Wacek knallte mit der Peitsche; bald lief eine Kuh davon, bald eine Farre, Wacek fluchte und trieb die Herde auf die Weide. Vom Walde her klang der Peitschenknall immer leiser, bis er ganz aufhörte; in der Luft lag noch immer das Brüllen der Kühe und der Morgen roch nach Stalltierdurft. Der alte Abraham stand da und schaute nach der Seite hin, wo die Tiere fortgezogen waren. Nachdenklich rückte er seine Mütze hin und her, dann machte er eine Handbewegung, senkte den Kopf und ging schwer und langsam dem Walde zu. Mordechai fühlte Tränen im Halse. Er hätte jetzt alles darum gegeben, wenn der Vater ihm nur ein Wort sagte, ihn schalt oder schlug. Es hob ihn von seinem Sitz auf. Alles in ihm zog ihn zum Vater; er wollte sich dem Alten zu Füßen werfen und ihn um Verzeihung bitten. Er sah dem Vater nach, wie er mit gesenktem Kopfe und ausgebreiteten Händen zwischen den Bäumen hin und her