Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 7 (17.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-17
- Page
- Seite 24 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Romaiibeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 7 — vorher hätte ich mit Reb Itsche reden sollen, der hätte es dem Bengel ordentlich gegeben! Vor Reb Itsche hat er großen Respekt. Das wird nun eine schöne Nacht werden! Wer weiß, am Ende erschlägt er den Buben noch? Wenn er in Wut gerät — dann behüte Gott! Dwojrele sprang vom Bett auf und sah durchs Fenster, ob Abraham schon kam; als sie niemanden sah, schob sie, ohne es zu wissen, gedankenlos Abrahams Uhr unter das Kissen und legte sich, Tränen in den Augen, wieder ins Bett. Im Nebenzimmer hörte sie Schritte und rief: „Brajne, schläfst du?“ „Nein, Frau, ich komme schon.“ „Wie eine Mutter!“ — seufzte Dwojrele. „Es läßt ihr schon keine Ruhe mehr, von einem Zimmer wandert sie ins andere, bis Mordechai zurückkommt. Es ist ja nicht das erstemal!“ Brajne hatte bei Mordechais Eltern mehr als zwanzig Jahre gedient. Sie gaben ihr fünfhundert Gulden und eine Kuh als Mitgift und verheirateten sie an einen Dorfschneider. Als Brajne vor der Niederkunft stand, wurde ihr Mann plötzlich krank und starb. Vor Kummer darüber gebar sie ein totes Kind. Es war gerade zur Zeit, als Mordechai auf die Welt kam. Brajne trat wieder zu Abraham in den Dienst, wurde die eigentliche Hausfrau und führte die Wirtschaft nach ihrem Gutdünken. Brajne trat ein, barfuß, im Unterrock. Sie bedeckte ihre offene Brust mit der Schürze und blieb bei der Türe stehen: „Die Frau schläft noch nicht?“ „Wie spät ist es denn?“ „Ich weiß nicht — es muß schon näch zwölf sein...“ „Warst du draußen?“ „Wie kann man denn liegenbleiben? Ich bin nachsehen gegangen, ob sie schon kommen ...“ „Nun?“ „Kein lebendes Wesen zu sehen!“ „Sie müßten schon da sein!“ sagte Dwojrele außer sich. „Ich habe Angst, am Ende hat er dort den Buben erschlagen! Du weißt doch, wie jähzornig er ist!“ „Nur keine Sorge, Frau, ein Vater erschlägt sein Kind nicht!“ Damit verscheuchte Brajne Dwojreles Furcht und trat näher ans Bett. —■ „Aber es ist nicht recht gewesen; Ihr hättet dem Herrn die Sache nicht erzählen und ihn nicht bei Nacht in den Wald schicken sollen!“ „Ich habe nicht sollen?“ verantwortete sich Dwojrele und fühlte gleichzeitig, daß Brajne recht hatte; ihr blasses Gesicht wurde noch blasser. „Du weißt ja nichts, Brajne; er hat mir einfach Angst gemacht!“ „Wer, der Pächter?“ „Ja, er ist atemlos, halbtot herein, als wäre, Gott bewahre, ein Unglück geschehen, und ehe ich mir noch recht klar wurde, hatte ich vor Furcht Abraham geweckt! Wenn man es aber recht nimmt, früher oder später mußte die Sache doch ein Ende nehmen! Ich war schon müde vom Reden! Vom ersten Tage an flehe ich ihn an, bettle inständigst, er möge mir keine Schande antun! Hast du schon gehört, daß eine Wand Antwort gibt? Genau so hat er geantwortet. Nun frage ich dich, Brajne, du bist ja nicht dumm“ — Dwojrele nahm Brajne bei der Hand und setzte sich mit ihr auf das Bett — „habe ich dazu tagelang fasten müssen, Gräber ,messen4, den Onkel Meierl nicht ruhen lassen? Du kannst mir glauben, Brajne“ — Dwojrele schrie es fast und legte die Hand aufs Herz — „ich habe doch nicht mehr als das eine Kind, um das ich zittere, aber selbst wenn es mir ans Leben ginge, Rabbi Mojsches Tochter wird sich nie mit Simche dem Pächter verschwägern!“ Während Dwojrele auf Brajne einredete, war Abraham leise eingetreten; er blieb bei der Türe stehen und hörte zu. Als Dwojrele zu Ende war, schrie er: „Du wirst dich mit Simche verschwägern, laß gut sein.“ Erschrocken blieben die beiden Frauen eine Weile still sitzen, dann streckte Dwojrele ihrem Manne die Hände entgegen: „Wo ist Mordechai, wo ist er?“ „Der fromme Jüngling lebt.“ Abraham lächelte bitter und begann nachdenklich im Zimmer umherzugehen. „Damit wir zerspringen, sagt er, wird er sie heiraten, das Mädel! Es ist unglaublich — der Kerl wollte mich sogar schlagen! Ja, man erlebt Freude, liebe Frau, in seinem Alter. Ha, Ha!“ „Nun, wo hast du ihn gelassen, wo ist er?“ Dwojrele sprang vom Bette. „Wo ist der Bub?“ „Da hast du’s, die Mutter! Da hast du’s.“ Abraham blieb mitten im Zimmer stehen, deutete mit dem; Daumen seitwärts auf Dwojrele und wandte sich an Brajne. „Es ist wirklich zum Lachen! Jetzt erst hat sie geschrien, selbst wenn es ihr ans Leben ginge, werde sie diese Heirat nicht zulassen! Nun, ist das vernünftig? Mit Weibern läßt sich was Rechtes anfangen!“ Er wandte sich zu Dwojrele. „Wozu hast du mich in den Wald geschickt, sag’ mir nur, wozu? Damit ich dem braven