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Das jüdische Echo · 1929-05-17 · 7 (17.5.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
7 (17.5.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-05-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von. Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin) 6. Fortsetzung Ihrem Vater hat Dwojrele stets ferngestanden, aus übergroßer Ehrfurcht hat sie immer vor ihm gezittert; sie erinnert sich nicht, daß der Vater sie je angelächelt hätte. Er hat immer gelernt, war stets mit Stadtangelegenheiten beschäftigt und hat unter die Armen die Geschenke und Gaben verteilt, welche man ihm brachte; im Hause herrschte fast immer große Not. Dafür aber konnte man mit diesem Vater Staat machen. Die ganze Gegend wußte, daß Reb Mojsche es den Leuten gern leicht macht. Einmal hat er eine ganze Nacht wach gesessen und konnte keine Gesetzesstelle finden, um einen geschächteten Ochsen für koscher erklären zu können. Rabbi Mojsche wußte aber — wenn er den Ochsen für unrein erklärt, wird der Fleischer bankrott. Da nahm er die Verantwortung auf sich und erklärte das Fleisch für koscher. Dafür aber entschied er bei allen Fragen, die seine Frau an ihn richtete, zu ihren Ungunsten, und wenn Dwojreles Mutter eine Frage über rein oder unrein hatte, so hatte sie Furcht, selbst zu kommen und schickte eine Nachbarin. Dwojrele erinnert sich: Ihr ältester Bruder, Reb Berisch, hat zwei Wochen nach der Hochzeit Sehnsucht nach Rabbi Mendele von Kozk bekommen und ist zu ihm gewandert. Ein Monat war vergangen, zwei Monate, drei Monate, Reb Berisch kam nicht zurück. Mit Tränen ist die junge Frau vor den Schwiegervater getreten und hat ihm ihr Herzleid ausgeschüttet. Rabbi Mojsche hat dann dem Rabbi von Kozk einen Brief geschrieben. Was darin stand, weiß keiner bis heute. Als Rabbi Mendele den Brief gelesen hatte, lächelte er und befahl Reb Berisch sofort heimzufahren. Nicht „aus Ehrfurcht vor dem Vater“, sagte der Rabbi einige Male, „sondern um deiner Frau willen“. Als Reb Berisch heimkam, wollte ihm der Vater nicht den Willkommgruß geben. Die Mutter brach in Tränen aus: Was soll das bedeuten? Rabbi Mojsche hatte aber ein Gelübde getan, den Sohn drei Tage nicht zu sehen; er befahl, am vierten Tage möge der Sohn ohne Schuhe zu ihm kommen. Rabbi Mojsche war ein Starrkopf, da half nichts. Und als Reb Berisch am vierten Tage in Strümpfen vor den Vater trat, da bot ihm dieser wieder keinen Willkommgruß. „Was hast du solange in Kozk gemacht?“ „Ich habe mit dem Rabbi das Buch ,Ejn Jakob‘ gelernt.“ „Was, ,Ejn Jakob‘?“ — der Vater lächelte, als wollte er sagen: auch eine Wissenschaft! Dann begann er mit seinem Sohn eine richtige talmudische Unterhaltung. Als er so mit dem Sohne länger als eine Stunde gesprochen hatte, bot er ihm den Willkommgruß und rief die Mutter herein. „Itte, gib Branntwein und Gebäck her! Wir brauchen uns unseres Berisch nicht zu schämen!“ Jeder Zweig an Dwojreles Stammbaum war ein eigenes Stück Leben, eine jüdische Legende, die sich vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter vererbte. Dwojrele wischte die Tränen aus den Augen und warf über ihre entblößten Schultern einen türkischen Seidenschal. Eine Weile betrachtete sie sinnend das Schlafzimmer von allen Seiten, als sähe sie es zum erstenmal; sie bemerkte, daß Abrahams goldene Uhr unter dem Kissen hervorgerutscht war und mitten in dem verdrückten leeren Bette lag. Furchtsam schaute sich Dwojrele noch einmal um, als sie niemanden sah, preßte sie ihre dünnen Lippen aufeinander und rang die Hände; auf dem blassen länglichen Gesicht furchte sich tiefer Schmerz. Sie fühlte sich schuldig; Mordechais Tun ließ sicher ihre Väter nicht ruhen. Für wessen Sünde strafte sie Gott? Dwojreles Sohn soll eines Pächters Tochter heiraten — das ist nicht zu ertragen! Schöne Zeiten sind gekommen! Freilich — er ist immer unter Bauern, geht müßig umher, da kommt er auf solchen Unsinn! Vielleicht hätte ich Abraham nicht wecken sollen? Sicher nicht, das war eine Dummheit

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