Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 6 (10.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-10
- Page
- Seite 21 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Komanbeilage des „Jüdischen Echos' 21 Vater. Er schnaubte wie ein atemloser Hund: „Vater, da wird gar nichts helfen, auch Prügel nicht, ich werde Rachel heiraten!“ „Nicht solange ich lebe, Mordechai,“ — der Vater drohte mit der Hand — „vorläufig bin noch ich der Vater und ich habe, glaube ich, noch etwas zu sagen, du Taugenichts! Zum Teufel will ich dich jagen, hörst du? Schande willst du mir antun?“ — schrie der Alte und faßte Mordechai bei der Gurgel. „Lebend begraben will ich dich lieber, als Simche den Pächter zum Schwäher haben!“ „Laß los!“ Mordechai riß sich aus den Händen des Alten. „Laß los, wenn du nicht willst, daß ich eine Sünde begehe! Geh lieber nach Hause, Vater, die Wut frist in mir; ich kann nicht gutstehen für mich, Vater! Geh nach Hause.“ „Den Vater willst du schlagen?“ Mordechai sah sich um, erblickte einen Ast, riß ihn ab, daß ein Stück Rinde mitging, und drohte: „Totschlägen will ich jeden, der mir unter die Hand kommt!“ Der alte Abraham wich zurück. Er schaute auf Mordechai, der mit dem Ast in der Hand dastand, und dachte daran, daß er selbst nicht besser gewesen war, daß der Sohn dem Vater nachgeriet; es war schon immer so bei ihnen in der Familie. Nicht umsonst gehören sie zum Priesterstamm. Sein Zorn verrauchte. Als Mordechai sich beruhigt hatte, war keiner mehr im Walde. Müde irrte er zwischen den Bäumen umher, warf immer wieder den Kopf empor, als wollte er summende Bienen verjagen, und blieb stehen. Lange Zeit stand er unter einem Baume und horchte gespannt; er wollte wissen, ob es in seinen Ohren so sauste oder ob der Wald rauschte. Das Geräusch kam von allen Seiten — von den Bäumen, vom Himmel, von der Weichsel. Aus dem Bauernwald drangen unterdrückte Geräusche, wie Flügelschlagen und Zähneknirschen. Tief im Walde schrie eine Schnepfe; es klang kläglich wie Kinderweinen. Im Scheine des Mondes blinkte bald da, bald dort zwischen den Bäumen die Weichsel und leuchtete wie Wolfsaugen;' Mordechai fühlte, wie ihn kalter Schweiß bedeckte und vor Schreck kletterte er auf einen alten Baum. Er blickte auf den Wald, der sich von Osten nach Westen bis über Plozk hinaus zog. Er sah zwischen den Bäumen grünliche Lichter aufleuchten, hörte den Schlag großer Flügel und spürte, wie der große furchtbare Wald erwachte. Pfeifend fuhr der Wind einher, als wäre ein Dämon aus seiner Höhle ausgebrochen, und der Wald schüttelte sich. Die weiten Felder, der Wald, der mit Wolkenfetzen bedeckte Himmel — all das sah riesengroß aus, weitete sich in die Nacht hinein und atmete mit tausend Düften; da fühlte sich Mordechai schwach und hilflos wie ein Kind. Er hörte Schritte, lehnte sich fester an den Baum und sah, wie von allen Seiten riesige Menschen auf ihn zuschritten; und dort, wo die jungen Birken standen, wanden Mädchen in langen weißen Hemden ihre silberfarbenen Zöpfe und riefen ihn. Mordechai wußte, daß es Bäume waren, daß sie nie zu ihm kommen würden und daß es lächerlich sei, Angst zu haben; dennoch dämmerte in seinem Hirn eine alte Geschichte von einem Dorfschächter, der im Winter an einem frostigen Freitagnachmittag nach Hause eilte, um noch vor Sabbat bei den Seinen zu sein. Er ging entlang der Weichsel und trug auf der Schulter einen Sack mit Lungen und Lebern. Aus dem Walde kam ein Wolf und kreuzte des Schächters Weg; da nahm der Schächter sein Messer in den Mund und schwang sich auf den Wolf; erschrocken rannte der Wolf entlang der Weichsel über den Schnee bis in die Stadt hinein. Mordechai sah einen Wolf über den Schnee rennen, auf dem saß ein Schächter, lang und mager wie der Todesengel, ein blinkendes Messer im Munde; und der Schnee wirbelte bis zu den Wolken, wirbelte, wirbelte ... Mordechai lachte laut auf, als er merkte, daß er auf einen Baum geklettert war; tief im Walde äffte ein Kobold sein Lachen nach. Gegenüber auf einem Baume saß eine Eule mit schwarzem, krummem Schnabel und einem Paar Augen wie kalte Lichter. Der Vogel blickte auf Mordechai. Mordechai hob die Hand und wollte den Vogel erschrecken, der aber rührte sich nicht, sondern blickte unverwandt auf Mordechai, daß es ihm kalt über den Rücken lief. Vor Schreck sprang Mordechai vom Baume und begann durch den Wald zu laufen. Er erinnerte sich, daß ihn der Vater aus dem Hause gejagt, daß man ihm Rachel genommen hatte; mit beiden Händen griff er sich in die Haare und heulte wie ein hungriges Tier. Das Rauschen im Walde wurde stärker. Mordechai lief zum Bauernwald. Er fühlte einen salzigen Geschmack im Munde, sein Zahnfleisch blutete. Bei jedem Geräusch eines Blattes, eines Vogels schien es ihm, als jagte ihm ein Wolf nach. Aus dem Buche