Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 6 (10.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-10
- Page
- Seite 20 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 6 Kiefernnadeln und dürre Zweige ihre Füße zerstachen; sie drückten ihre Hände fester, blieben bei jedem Baume stehen, küßten einander und stammelten: „Meine Rachel.“ „Mein Bub.“ Der Wald wiegte sich leise. Durch die Wipfel zog wie durch Harfensaiten ein leiser Wind, da erbebte der Wald und tönte weit und dunkel. Der Mond stand überm Walde und spielte mit den kleineren Bäumchen und Blättern. — Zwischen den hohen Bäumen sammelten sich die Schatten wie schleichendes Wild, wie Scharen bleicher Vögel. Das Paar setzte sich unter eine erblühte Linde und wurde sofort mit kleinen weißgelben Blüten überschüttet; glücklich faßten sie einander bei den Händen und aus den jungen Herzen, aus den halbgeöffneten Mündern drang ein stummes Singen, stumme Freude in die Nacht. Mordechais Lippen betäubten wie duftende Lindenblüten Rachels Sinne; sie fühlte, daß sie ihren letzten Atemzug in die Nacht hauchte und zu nichts ward; leicht wie ein Windhauch umwand sie Mordechai und flüsterte zärtlich: „Ich hab’ so Angst vor deinem Vater.“ „Brauchst nicht Angst haben, Rachel!“ „Aber dein Vater ist reich!“ „Deshalb?“ „Und ich bin eine Pächterstochter ...“ „Geh, sprich nicht so, Rachel! Wenn du willst, sage ich morgen dem Vater, daß ich dich lieb habe; gut?“ „Nein sag’ ihm nichts.“ „Warum?“ „Weil ich ein armes Mädel bin! Und dein Vater ...“ „Was, mein Vater?“ Rachel grub ihre weißen Zähne in die Unterlippe und umfaßte Mordechai mit beiden Händen: „Hast du mich lieb?“ „Meine Rachel!“ „Sehr lieb.“ „Mein Kätzchen!“ „Und wenn er nicht will?“ „Wer?“ „Dein Vater.“ „Er wird wollen!“ „Und wenn nicht?“ „Wenn nicht?“ „Wirst du mich sitzenlassen?“ „Ich — dich? Niemals!“ „Mein guter Bub!“ Sie küßten einander. Mordechai nahm Rachel auf den Schoß. „Wenn mein Vater nicht wollen wird, so gehen wir beide fort, Rachel; gut?“ „Gut!“ „Wir werden in einer „Waldhütte“ wohnen. Ich will frisches Heu schneiden, die ganze Hütte will ich damit anfüllen, und wir beide werfen uns ins Heu wie ins Wasser. Siehst du, so!“ Sie streckten sich auf das Moos hin. Mordechai legte Rachels schwarzen Kopf, der mit Lindenblüten übersät war, auf seinen Schoß, riß einen Pilz aus der Erde und kühlte mit dem feuchten flaumigen Hütchen Rachels glühende Wangen, ihre müden Brauen. Rachel schloß die Augen und verzog die Unterlippe: „Ich will nicht in einer Waldhütte wohnen. Sie werden uns fangen ...“ „Wo denn?“ „Wir wollen in einer Höhle wohnen!“ „Dort wohnen doch böse Geister!“ „Hast du Angst?“ „Ich?“ ... Plötzlich sah Mordechai Funken vor den Augen. Er wandte den Kopf, um zu sehen, woher die Ohrfeige gekommen war; da brannte schon eine zweite auf seinem Gesicht, daß er fühlte, wie ihm alle Zähne im Munde wackelten. Er sprang auf. Der Vater, in Hemd und Weste, ein Käppchen auf dem Kopfe, stand vor ihm und schrie. Seine Worte klangen abgehackt. „Du wirst da keine guten Jahre haben, du Verräter Israels! Ich will dir zeigen, dich mit Mädels bei Nacht herumzutreiben! Zu einem Schuster will ich dich geben, du Taugenichts du! Wenn du dem Vater nicht gehorchen willst, so geh hin, wo der Pfeffer wächst!“ Mordechai stand da, die Fäuste geballt und fühlte das Blut in den Schläfen hämmern; in der Gegend des Herzens wurde es ihm sonderbar hohl, als wäre von dort etwas herausgerissen worden; er hielt sich mit aller Gewalt zurück, um sich nicht auf den Vater zu werfen, obwohl er gewiß war, daß es nicht leicht sein würde, dem Vater beizukommen. Indessen hatte der Pächter, welcher Mordechais Vater gefolgt war, die Tochter beim Haar gefaßt und schleppte sie unter Geschrei heimwärts. Mordechai vergaß, daß der Vater dastand und daß er ihn erschlagen könne; mit einem Satze sprang er wie ein wildes Tier den Pächter an, warf ihn nieder und würgte ihn. Mit Mühe riß ihn der Vater vom Pächter los; blutrot im Gesicht, die Fäuste geballt, mit zitternden Knien stand Mordechai da und fühlte: Jetzt, jetzt werfe ich mich auf den