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Das jüdische Echo · 1929-05-10 · 6 (10.5.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 22

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
6 (10.5.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-05-10
Page
Seite 22 (sequence 4)
Language
German
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22 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 6 „Rasiel“ wußte er: Wenn man die Namen der Engel aufsagt, welche über Wölfe Gewalt haben, dann tun die wilden Tiere nichts Böses. Er lief und flüsterte: „Mathniel, Apthiel, Samsiel! Mathniel, Apthiel, Samsiel!“ Bei der Weichsel sah er Pflöcke in die Erde gerammt, die ein Rad bildeten. Um die Pflöcke war lose ein Strick mit eisernen Haken gebunden. An den Haken hingen kleine Fische. Das war eine Falle für Wildenten. Fünf Enten hingen schon daran, warfen sich hin und her, schlugen mit den Flügeln und den roten Beinen, und je stärker sie zappelten, desto tiefer drangen die Haken in ihre Köpfe. Mordechai faßte eine Ente und wollte den Haken herausziehen; aber er brach der Ente den Schnabel ab. Zornig fluchte er auf den Heger und wandte sich zur Waldhütte. Müde warf er sich in das frischgeschnittene Heu; er hörte noch im Walde die Schnepfe mit kläglichem Kinderweinen schreien und schlief sofort ein. D w o j r e 1 e In einer weißseidenen, spitzenbesetzten Schlafhaube, halb entkleidet, saß Dwojrele auf dem Bett und weinte leise. Ihr gegenüber brannte auf einer schmalen, bauchigen Kommode eine Stearinkerze in silbernem Leuchter und gab dem großen Schlafzimmer nur wenig Licht. Vom vielen Weinen war Dwojreles Gesicht ganz durchsichtig, ihre Augen waren weich. Warum hatte sie Gott so gestraft? Mordechai hatte doch, unberufen, Ahnen, nach denen er hätte geraten können, ihr Stammbaum ging doch weit zurück. In Dwojreles eisenbeschlagener Truhe, wo ihre Perlen liegen, liegt auch ein altes Buch, ein Erbe von der Mutter her; dort ist ihr Stammbaum verzeichnet. Dwojrele versteht kein Wort von dem Buche, aber sie weiß von der Mutter: Wenn es ihr schlecht geht und wenn sie, Gott behüte, ein Unglück trifft, dann möge sie das Buch aufschlagen, die Ahnen aus den Gräbern wecken und so lange weinen, bis die Frommen es hören, vor den Himmelsthron eilen und für sie eintreten; so wird ihr Hilfe kommen. Es kommt ihr schwer, sehr schwer an, sich mit ihren Ahnen auszusprechen! Immer wenn sie das Buch öffnet, sieht sie bloß Bärte und Pelzmützen vor sich und vor Angst beginnt sie zu stammeln; sie weiß nicht, wie man mit Mannsleuten sprechen soll. Wären dort ihre Großmütter verzeichnet, da ginge es viel leichter, ließe sich viel besser erzählen; einem Manne kann man nicht alles sagen. Wie Dwojrele mit Mordechai niederkommen sollte, hatte sie das Buch unter den Kopf gelegt und gebeten, sie möge einen Sohn gebären. Am meisten bat sie Reb Götzel. 'Sie war sicher, daß er Gott näher stand als alle die anderen. Nicht umsonst hat er als Märtyrer für die Heiligung des Gottesnamens sein Leben gelassen! Als Chmielnitzki mit seinen Kosaken im Jahre 1648 Kozk zerstörte, wo Reb Götzel Rabbiner war, da umstellte er das Bethaus, in welches sich die Juden, die vom großen Morden noch übriggeblieben waren, geflüchtet hatten, und forderte, daß alle sich taufen mögen; täten sie es nicht, so werde er die Schul in Brand stecken; da stieg Reb Götzel zur heiligen Lade empor, öffnete sie und tötete sich selbst vor der ganzen Gemeinde. Durch Reb Götzel fühlte sich Dwojrele in Gnaden beim Herrn der Welt. Mit dem Rabbiner von Woyl, Reb Feiwisch, hielt sie nie Rats; sie hatte Furcht vor ihm. Er wollte sich mit keinem Chassid verschwägern, und als sein Jüngster zu einem chassidischen Rabbi fuhr, da saß er „Schiweh“ nach ihm, wie nach einem Toten. Vor Reb Feiwischs Hinscheiden mußten ihm seine Söhne schwören, sie würden unversöhnliche Gegner der Chassidim bleiben und sie verfolgen, wie er es getan. Dagegen liebte sie den Großonkel, Rabbi Meirl, mit dem Beinamen „Dwasch“. Der war auch wer! Der Berditschewer war sein guter Freund! Er kam zu ihm nach Scheps zu Gaste! Dwojreles Vater hält nicht viel von seinem Onkel, freilich — von wem hält er denn etwas? Er nennt ihn „Weiberrabbi“ und erzählt, der Oheim habe Wunschzettel nicht nur in Scheps, sondern auch in Drobnin und Beswin entgegengenommen. Dwojrele kennt sich da nicht aus. Wie soll denn sie, ein sündiges Weib, ihre Wege und Ziele begreifen? Wenn Juden zu jemandem fahren, so ist wahrscheinlich etwas daran! Und Dwojrele fährt jedes Jahr heimlich, daß keiner etwas merke, nach Scheps, wenn Jahrzeit nach Reb Meirl ist, spendet achtzehn Gulden für Jahrzeitlichter und bleibt mit dem Zaddik ganz allein an seiner Ruhestatt. Der Schammes kennt sie. Er weiß, daß kein Fremder anwesend sein darf, wenn Dwojrele sich mit ihrem Großonkel ausspricht. Und wenn ihr etwas nicht recht ist, dann führt sie mit ihm eine kräftige Sprache — eigen Blut ist doch etwas anderes. Jedesmal, wenn sie von dem Zaddik Abschied nimmt, dann erwähnt sie in ihrer Bitte Reb Götzels Namen und zählt ihm ihren Stammbaum auf... Fortsetzung folgt.

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