Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 6 (10.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD)UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin) 5. Fortsetzung. „Hör’ zu“ — Reb Itsche blieb in der entferntesten Ecke des Zimmers stehen. „Vor zwölf Jahren, bald nach der Hochzeit, konnte ich mich nicht von schlechten Gedanken befreien. Ich saß bis über den Kopf in der ersten Stufe. Damals fuhr ich noch nach Pschyscha. Reb Mendele war schon damals bekannt und berühmt. So beschloß ich denn, nach Kozk zu gehen. Ich kam nach Kozk und schrieb einen Wunschzettel, in dem ich Kraft für den Dienst des Herrn erbat. Man rief mich zum Rabbi. Ich trete ein; der Rabbi fragt: ,Wohin bist du bisher gefahren?4 Ich antwortete: ,Nach Pschyscha/ ,Was willst du dann von mir?4 schreit der Rabbi. Ich schweige. Er schreit noch lauter: »Rindvieh, wenn der Rabbi von Pschyscha dir nicht geholfen hat, werde ich dir gewiß nicht helfen. Fahr’ zurück, ergib dich seinem Willen; für dich gibt es noch eine Rettung, du gehst jetzt durch die erste Stufe. Der Mensch muß sich sündig fühlen, solange die Materie um seine Seele liegt; wenn du den eigenen Willen fühlen und begreifen wirst, wer der Rabbi von Pschyscha ist, dann komm zu mir.44 Mordechai saß noch immer beim Fenster und schien zuzuhören, obwohl Reb Itsche schon lange schwieg. Er sah, wie der Himmel über dem Walde immer größere Flammen schlug und rot wie Purpur wurde. Da fiel ihm ein, das seien die Kleider der Rache, die Moschiach anziehen wird, wenn er das „Vogelnest“ verläßt. Glücklich saß Mordechai da und blickte in den flammenden Himmel; er vergaß, wo er war und sah, wie Moschiach, ein hoher roter Jude, mit einem feuerroten Barte, in einen Purpurtallis mit schwarzen Streifen eingehüllt, im Paradiese auf und nieder schritt. Mit einem Male fuhr er zusammen, als wäre er von einem Berge herabgefallen, und fühlte, daß da etwas nicht stimmte. Warum soll Moschiach rotblond sein? Er hatte sich Moschiach immer mit einem schwarzen Barte vorgestellt... Allmählich verbreitete sich ein trauriger Ausdruck auf Mordechais mattem Gesicht. Aus den großen, grauen Augen blickte Leid, und alles in ihm wollte laut schreien. Er stand hastig auf und wollte dem guten Reb Itsche etwas sagen — im Zimmer war niemand mehr. Länger als eine Minute schaute Mordechai auf den leeren Platz, wo Reb Itsche gestanden hatte, als wäre der Platz noch immer erfüllt von der Kabbalah; dann setzte sich Mordechai wieder nieder, stützte den Kopf in die Hände und blieb allein beim offenen Fenster sitzen; er hörte die Kühe sehnsüchtig in den Ställen brüllen. Die Nacht kam. Die Kiefern öffneten sich und troffen von gelbem Harz. Der Lindenduft machte müde. Tief im Walde hauchten Millionen von Pflanzen ihren letzten Atem in die Nacht — Mordechai wurde es eng, es hielt ihn nicht mehr im Zimmer. Die Bäume tönten, Zweig verflocht sich in Zweig. Stahlfarben winkte die Weichsel — vor Mordechai erschien die blaße Rachel mit ihren Augen, schwarz wie die Nacht, mit ihren leisen, leichten Schritten und rief, zog ihn wie ein Magnet ... Er wollte Jakob heißen, ein Hirte sein, auf dem Felde sitzen und auf der Flöte spielen, die blasse Rachel rufen ... Eine Nacht im Walde Spät bei Nacht, als alle schliefen, stieg Mordechai leise durchs Fenster und lief barfuß über das feuchte Gras. Beim leisesten Geräusch schien es ihm, der Vater und Reb Itsche eilten ihm nach. Zitternd warf er sich in das betaute Gras und fühlte, wie die Blumen sich im Tau wuschen; Kälte durchzog ihn, daß sein ganzer Körper steif wurde. Als er das Fenster berührte, erschien sofort das blasse Gesicht mit dem dichten Wald der Haare, mit den großen schwarzen Augen. Eine leichte offene Bluse mit kurzen Ärmeln, ein dünnes, kurzes Unterröckchen. Rachel umwand seinen Hals und er schritt mit ihr in den Wald. Glücklich gingen Mordechai und Rachel Hand in Hand und fühlten gar nicht, daß