Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 18 (3.5.1929)
- Date
- 1929-05-03
- Page
- Seite 282 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage Nr. 18 des Romanes ist damit gesprengt. Wichtig ist nicht mehr das persönliche Einzelschicksal und dadurch das Individuum. Wichtig ist einzig das Schicksal der Kollektionen im weiteren Sinn. Die formale Darstellungsart könnte man schlagwortartig und treffend mit Pointillismus bezeichnen. : „Es begann zu dämmern. Ein Lastauto keuchte. Irgendwo weinte ein Kind. Ein Laden wurde geöffnet, dann ein zweiter. Mehr Licht. Das Kind weinte noch immer. Ein Telephon klingelte. Auf der Straße erschienen Menschen. Wieder ein Lastauto. Wieder eine Straßenbahn. Eine Weckeruhr. Noch eine. Und noch eine. Mehr Lichter. Mehr Leute. Mehr Autos. Menschen. Lärm. Licht. Die Stadt war erwacht.“ So werden, ohne die geringste Stellungnahme des Autors zu den Ereignissen oder Personen, die geringsten Kleinigkeiten Punkt für Punkt fixiert und registriert. Und aus den zusammengesetzten Punkten ergibt sich eine großartige Revue des Lebens über das ewig alte, ewig neue Thema: Liebe und Geld. I. G. Das große Warenhaus von Sigfrid Siwertz. Otto Quitzow Verlag, Berlin, Lübeck, Leipzig. Ökonomische Probleme, wie das des Warenhauses, fordern heute geradezu zu breiter epischer Gestaltung auf; der erbitterte Kampf zwischen Warenhaus und Kleinhändler einerseits und Warenhaus und Konsumverein anderseits, die vielleicht nicht weniger erbitterten Spannungen, die zweifellos in den meisten Häusern zwischen Geschäftsleitung und Angestellten bestehen, erfordern allerdings einen neuen Zola, wenn sie in ihrer ganzen Realität und Kraßheit wie in ihrer typischen Bedeutung erfaßt werden sollten. Siwertz ist gewiß kein neuer Zola, aber sein Roman enthält doch vieles von dem, was aus der rein wirtschaftlichen Sphäre zu menschlichen Erlebnissen wird, und er versteht es, den ihm sehr vertrauten „Kosmos“ des Warenhauses auch für andere zu verlebendigen. Hervorragend gelungen ist ihm jedenfalls die Figur des alten „Goldmann“, des Ostjuden, der sich, vom Pogrom vertrieben, in Stockholm vom kleinen Hausierer zum Besitzer des größten Warenhauses heraufarbeitet, immer für das bereits Erworbene zitternd, immer ängstlich und dabei doch von genialen wirtschaftlichen Instinkten geleitet, der auch als wirtschaftlicher Machthaber ersten Ranges dem Dünkel nicht verfällt und sich seine Menschlichkeit bewahrt. Schon um dieser Gestalt willen lohnt es sich das Buch zu lesen, das Alfons Fedor Cahn mit Liebe aus dem Schwedischen ins Deutsche übertrug. G. M. Siegmund Bing: Jakob Wassermann. Verlag Ernst Frommann &. Sohn, Nürnberg. Das autobiographische Element im Schaffen Jakob Wassermanns ist gewiß stark und es ist in Wirklichkeit, wie man gerade aus der Bingschen Darstellung erfährt, die Bruchstücke eines bisher ungedruckten autobiographischen Romans von Wassermann enthält, noch stärker als man vermutete — die Darstellung Bings behält trotzdem ihre großen Verdienste. Die Jugendzeit und die Entwicklung des Dichters, der Zusammenhang von Werk und Person werden von einem seiner besten Kenner und Verehrer mit viel Liebe und Klarheit ausgebreitet. Wer allerdings von dem inneren Verhältnis Wassermanns zum Judentum und zur jüdischen Gemeinschaft etwas erfahren will, darf sich trotz gelegentlicher Andeutungen, die dieses Problem berühren, die Lektüre seines „Weg als Deutscher und Jude“ nicht ersparen, wie überhaupt das Buch dem Liebhaber Wassermanns mehr zu sagen hat, als dem, der auszieht, Wassermann kennenzulernen. Der Verlag hat das Buch trefflich ausgestattet, eine Reihe von Bildern und Schriftproben ergänzen und vertiefen das von Bing entworfene Porträt. H. Z. Felix Fechenbach: Der Revolutionär Kurt E i s n e r. J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H., Berlin. Der frühere Privatsekretär Kurt Eisners gibt in dieser Broschüre einen kurzen Abriß der Entwicklung Eisners und eine als historisches Dokument recht wertvolle, wenn wohl in manchen Zügen auch subjektive Darstellung der von Eis- 11er geführten revolutionären Kräfte und Tendenzen. Die Tragik im Leben dieses hochbegabten Menschen, die nicht zum wenigsten in seinem Judesein, in der Tatsache seines so gänzlich anderen Reagierens auf Phänomene der Umwelt, in seiner ethischen Grundeinstellung besteht, die Tragik des politisch führerhaft tätigen Juden überhaupt, das besonders tragische Geschick Eisners, den die Kugel aus dem Gewehr eines fanatisierten Halbjuden — wie so jüdisch auch dieser Zug — ereilte, wird auch nicht in einer Bemerkung gestreift; in allem nicht unmittelbar Tatsächlichen bleibt die Arbeit durchaus an der Oberfläche stecken. I. E. Die großen Kämpfer von Alfred Semeräu und Paul Gerhard Zeidler. A. Ziemsen Verlag, Wittenberg (Bez. Halle). Absolutismus und Bolschewismus in Rußland / Die Flammen der französischen Revolution / Deutschlands politischer Kampf nach dem Niederbruch im Weltkrieg / Die Befreiung der Frau durch den Sozialismus / Die Technik als Pfadfinderin und Wegbereiterin der neuen Zeit / Deutschlands Aufstieg zu Weltmacht und Weltwirtschaft / Der Kampf im Reich der internationalen Bühnenkunst. Das sind die Geschehnisse, die in dem Buch; Die Großen Kämpfer, mit erstaunlicher Kenntnis scharf Umrissen gezeichnet sind. Tatsachen — lauter. Tatsachen aneinandergereiht — Leistungen großer Kämpfer. Wir aber verlangen mehr zu wissen von den Menschen als nur ihre Werke — uns gilt heute der Mensch ebensoviel wie seine Leistung, und wenn wir ihn erkennen wollen, wie er als Mensch kämpft, dann nehmen wir uns Emil Ludwig vor und Stephan Zweig. Dazu ist als wertvolle Ergänzung das vorliegende Buch sehr zu empfehlen. G. G. Der junge Jude. In der Herausgabe dieser Zeitschrift dürfen wir eine geistige Tat und1 zionistische Leistung der Chaluzverbände Westeuropas sehen. Wie in Erez Israel von den Kreisen der Chaluzim, der Poalim, der Arbeiterschaft des Landes die Initiative nicht nur zu wirtschaftlichem Aufbau, sondern auch zur Erstehung eines gesunden, nationalen geistigen Lebens ausgegangen ist, so bewähren sich in gleicher Weise in den Ländern der Galuth die chaluzische Jugend und die mit ihr verbundenen Kreise als die geistig bewegende Schicht im Zionismus. Das Organ, in dem all die Fragen der Lebenserhaltung und Lebensgestaltung der Chaluzim, sowohl in der Ga-