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Das jüdische Echo · 1929-05-03 · 18 (3.5.1929) · p. Seite 281

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
18 (3.5.1929)
Date
1929-05-03
Page
Seite 281 (sequence 18)
Language
German
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Literarische Beilage Gustav Landauer „Lerne zur Sache denken, und zugleich denken, daß Du als Jude denkst.“ Diese Aufforderung — zeugt sie nicht von unbändiger Wahrheitsliebe, von hoher Sachlichkeit und gleichwohl von kämpferischer Leidenschaft? — richtet Gustav Landauer an Martin Buber, von dem er wünscht, daß er sie im „Juden“ propagiere; er spricht sie aus in einem „Weihnachten 1915“ geschriebenen und datierten Briefe mit dem Wunsche, Buber möge seinen „Juden“ durch eine Neuerung bereichern, die es in der jüdischen Publizistik noch nicht gebe, er möge in den „Juden“ aufnehmen: „Kurze Gedanken, Aussprüche, Zusammenfassungen, Resultate, Fortgedachtes und zum Weiterdenken Verlockendes meine ich, Sätze, die man nicht zum Thema Judentum, sondern zu irgendeinem Thema niederschrieb, wobei einen aber neben dem Denken zur Sache der Gedanke begleitete, gleichviel in welchem Grade der Klarheit oder Stimmung: „Ich Denkender bin ein Jude In diesen wenigen Zeilen —• Buber ist übrigens und mit Recht auf die Anregung Landauers nicht eingegangen — liegt vielleicht der Schlüssel zu der sonst recht unverständlichen und unklaren Haltung Landauers zu jüdischen Dingen. Landauer vermaß sich, dieser seiner Forderung gerecht zu werden und er wollte vielleicht nicht einsehen, daß es Sachen geben könne, zu denen ein Jude, weil er eben als Jude dazu denken muß, aus innerer und unabänderlicher Veranlagung nichts sagen dürfte oder wenigstens sollte. Ist nicht dies Landauers tragisches Schicksal, daß er sich vermaß, als Jude und als ein in diesem Sinne bewußter Jude gar, die deutsche Revolution zu gestalten? Gewiß, Landauer war mehr als Jude und mehr als Deutscher, er war ein Europäer, von einer solchen Weite des Blickes und der Auffassung, daß es ihm schlechterdings nicht mehr möglich war, eine Frage in nur national bedingten Voraussetzungen zu sehen; aber Landauer, so sehr er ein Täter sein wollte, war doch nur zum Schauen bestellt und er mußte zerbrechen, aus innerer Notwendigkeit, als er sah, daß die Wirklichkeit, wie er sie sich erträumte, daß die Umkehr der Menschen, die er gepredigt, scheiterte — und er selbst scheiterte an dieser Wirklichkeit. Mit einem ungeheuren Fatalismus ging er, so berichtet man uns im Nachwort zu seinen nunmehr von Martin Buber veröffentlichten Briefen1 vor nunmehr zehn Jahren 1 Gustav Landauer, sein Lebensgang in Briefen, 2 Bände, Rütten u. Loening, Frankfurt a. M. seinem Schicksal entgegen; war er Zeit seines Lebens nie Stoiker gewesen —• als er den Verfall seiner Idee spürte, lehnte er, wie ein anderer großer Erzieher des Menschengeschlechts, wie Sokrates, eine Flucht, die ihm leicht möglich gewesen wäre, ab. Am Morgen des 2. Mai 1919 fiel er, das Opfer weniger einer verrohten Soldateska, als ihrer grausam unmenschlichen Offiziere. Die Briefe Landauers, die einen Zeitraum von nahezu dreißig Jahren umfassen, sie legen Zeugnis ab vom Lebensgang eines Menschen, der sich und dem, was er für seine Mission hielt, niemals untreu geworden ist, niemals untreu, auch in der. intimsten und vertrautesten Lebensäußerung nicht. Landauer, der Literat, Politiker, Übersetzer, hielt sich nicht für einen Dichter, wohl aber für einen dichterischen Menshen, dessen eigene Gestaltungskraft nicht ins Höchste ging und der doch zu anderem als Gestaltendichten berufen war. Ob er sich in diesem Bilde recht sah? In Wirklichkeit war er ein einsamer Revolutionär und ein großer Erzieher, der allerdings durch die Verkettung unglückseliger Umstände und durch die geradezu erschütternde Unwahrhaftigkeit und Niveaulosigkeit des öffentlichen Lebens im kaiserlichen Deutschland nicht zur Wirkung gelangen konnte, dessen Einfluß aber, wenn nicht alles täuscht, jetzt um so tiefer dringen wird. Und dies wird nicht zum mindesten die Auswahl seiner Briefe bewirken; Briefe, die er schrieb an Bab, Buber, Mauthner, Brunner, Harden, Jacobsohn, Mühsam und zahlreiche andere politische und literarisch Tätige, aber auch an ganz einfache Menschen, Briefe an seine Familie, an seine Frau und an seine Kinder, Briefe, die er schrieb als Redakteur des „Sozialist“, als Verleger und Autor, und Briefe, die seine persönlichsten Erlebnisse berühren: aus ihnen allen spricht ein edler, vorbildlicher, ganz seiner Sendung hingegebener Mensch, der ein Idealist war, ohne darum die Wirklichkeit zu leugnen. Er hat sie wohl so manchesmal verkannt, wenn auch seine Beurteilung der politischen und militärischen Lage Deutschlands vor und im Kriege in den Grundzügen richtig war; sein Ende aber lehrt, daß er selbst da, wo er sie richtig erkannte, doch im Grunde falsche Konsequenzen für sich selbst daraus zog. Er hat das Schicksal so vieler anderer Juden geteilt; als Märtyrer einer Idee zu fallen, die vielleicht den Juden als Initiator und Propagator, aber, weil sie zu tief das Wesen und den Charakter der Völker berührt, ihn als Verwirklicher nicht verträgt — aber während die meisten anderen es nicht wußten und manche es nicht wissen konnten; Landauer hat es gewußt, aber er hat es nicht ganz geglaubt, vielleicht nicht ganz glauben wollen: dieser Unglaube beraubte ihn des Kreises, in dem einzig er voll und ganz seine Kräfte hätte entwickeln können, er beraubte ihn seiner Wirkung auf seine Gegenwart — vielleicht wird er darum auf unsere Gegenwart und unsere Zukunft desto tiefer wirken. I. E. Bücher und Zeitschriften Nathan Asch. Als die Firma verkrachte. Rütten &. Löning, Frankfurt a. M. Neuyork. Wallstreet. Autos, Geschäfte, Menschen. Eine Firma verkracht. Die Inhaber, Agenten und Angestellten bis herunter zum Portier stehen plötzlich vor dem Nichts, müssen von neuem beginnen, sich eine Existenz aufzubauen. Das ist der ganze Inhalt des außerordentlichen Buches. Außerordentlich deshalb, weil dieser Roman inhaltlich und formal einen grundsätzlich neuen Weg zeigt. Nach dem Konkurs gehen die Menschen, die sonst ihre Tage gemeinsam in dem Maklerbüro verbracht haben, auseinander, jeder in ein anderes Schicksal. Wie sich die einzelnen verhalten, wird in 13 Kapiteln gezeigt. Es sind eigentlich 13 Lebensskizzen mit einem gemeinsamen Ausgangspunkt. Die bisher geübte Form

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