Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 5 (3.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-03
- Page
- Seite 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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16 RomanbeHage des '„Jüdischen Echos' Nr. 5 sehen, welche er unterwies, mit denen er die Gründe der chassidischen Lehre, die er alles Grobsinnlichen entkleidete, durchging; nach des Rabbi Hinscheiden fuhren die Chassidim zu diesen Schülern. Reb Itsche war einer von ihnen — der Liebling des Rabbi von Kozk. Obwohl er stets allein war, die Menschen zu meiden und die Einsamkeit zu suchen schien, gewann ihn jeder lieb, der in seinen Umkreis kam. Man liebte ihn, weil er freundlich war, die Fehler der Menschen nicht sah, die offen in die Augen fallen, und für jeden ein warmes Wort hatte. Seine schwarzen, tiefen Augen durchdrangen die Menschen auf den ersten Blick und er sah sofort, wozu ein anderer Jahre braucht, und was die meisten Menschen überhaupt nicht bemerken. Wer mit ihm sprach, fühlte, daß Reb Itsche in jede Falte seiner Seele schaute und daß das verborgenste Geheimnis für ihn offen lag; darum fühlte sich jeder vor Reb Itsche sündig und öffnete ihm sein Herz hastig, wie ein Kind vor der Mutter sein Herz ausschüttet. Ging man von ihm, so wollte man ihn möglichst bald wieder treffen. In Kozk wußten alle, daß Reb Itsche die Menschen mied und das Alleinsein suchte, weil er die Ankunft des Messias zu erforschen suchte. Der Rabbi hatte schon öfters hingeworfen, Reb Itsche brauche Vereinsamung; „Menschen kennt er schon zu viele, er muß ein bißchen die Bäume kennenlernen.“ Als der Rabbi das wieder einmal sagte, war gerade Abraham „Schreiber“ in Kozk und klagte dem Rabbi, daß er so weit von einem Orte der Gelehrsamkeit wohne. Da antwortete ihm der Rabbi: „Nimm Reb Itsche zu dir, so wirst du Gelehrsamkeit bei dir haben und Segen wird auf deinem Hause liegen.“ Voll Freude bat Abraham Reb Itsche zu Gaste. Als Reb Itsche in den Wald kam, räumte ihm Abraham das schönste Zimmer mit all seinen Büchern ein und hütete ihn wie einen Edelstein. — So saß Reb Itsche schon das zweite halbe Jahr im Walde, fuhr nicht ein einzigesmal nach Kozk und lernte. Mordechai hatte vom Vater und von Chassidim viel über Reb Itsche gehört — er wußte, Reb Itsche sei ein Kabbalist und ein großer Denker; vom ersten Tage an aber begegnete ihm Reb Itsche mit freundlicher Vertraulichkeit, sprach mit ihm wie mit einem Erwachsenen, behandelte ihn als seinesgleichen und kehrte nie hervor, daß er der große Denker sei; so gewann ihn Mordechai vom ersten Tage an lieb. Reb Itsche ersuchte ihn, er möge, so oft er Lust hätte, zu ihm ins Zimmer zu kommen, ungescheut eintreten, er werde ihn nicht stören. Bald gewöhnte sich Mordechai an Reb Itsche und begann nach und nach ihm alles, auch seine geheimsten Gedanken, zu erzählen. Reb Itsche rügte ihn nie und sagte nie: Tu’ das nicht; sondern immer, wenn ihm Mordechai etwas erzählt hatte, begann er mit ihm von chassidischer Lehre zu sprechen und sprach dabei so, daß Mordechai in seiner Rede stets eine Antwort auf seine schlechten Gedanken fand. Mit der Zeit schloß sich Mordechai fest an Reb Itsche an, suchte ihn oft auf, schaute "lange Zeit auf ihn und fühlte, daß kein Übel hereinbrechen könnte, so lange er mit Reb Itsche unter einem Dache weilte; dann ging er wortlos wieder weg; seine Seele aber war stets beruhigt. Nach der Prozession hatte Mordechai das Lernen ganz aufgegeben. Tagelang streifte er im Walde umher und dachte an Rachel. Stundenlang saß er beim Taubenschlag und sah den Tauben zu, wie sie sich paarten. Wenn der Abend kam, entbrannte ein Höllenfeuer in allen seinen Gliedern. Er hielt es im Zimmer nicht mehr aus, jede Weile kam er mit einer Ausrede ins Försterhaus und spähte dort nach, wie der Förster mit seiner Frau schlief. Und wie zum Trotz wollte es nicht Nacht werden, keiner im Hause ging schlafen; wie ein gefangenes Wild lief Mordechai von einem Zimmer ins andere; vor Zorn warf er sich in sein Bett und zog die Decke über die Ohren. Sein Kopf brannte wie im Fieber, er redete unaufhörlich wirre Worte vor sich hin, die an Rachel gerichtet waren, bis endlich im Hause alles schlief. Dann stieg er barfuß leise durch das Fenster und lief zu Rachel, die einen halben Werst entfernt wohnte. So ging es Tag um Tag. In der ersten Zeit war Mordechai so glücklich, so sehr mit sich beschäftigt, daß er alle Menschen entbehren konnte, sogar Reb Itsche. Mordechai merkte, daß man ihm nachspionierte; Rachels Vater, der Pächter, wurde ein zu häufiger Gast. Da beschloß Mordechai, sich Reb Itsche anzuvertrauen. Aber er schämte sich, daß er schon so lange nicht bei ihm gewesen, ihm sogar ausgewichen war. Als man aber zu Hause offen zu sprechen begann und die Mutter einmal sagte, wenn er nicht aufhören werde, sich mit dem Mädchen herumzutreiben, so werde man den Pächter fortschicken, da wußte Mordechai keine Hilfe mehr und ging schnurstracks zu Reb Itsche. Als er diesmal eintrat, fand er Reb Itsche in ein Buch vertieft. Matt von der Hitze saß