Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 5 (3.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD)UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 4. Fortsetzung Nacht um Nacht berief er alle Winde, alle Tiere und Vögel, gab in ihre Hut den Wald, und er selbst schwebte von einer Höhle in die andere, wo die Menschen wohnten, und küßte ihre blauäugigen Töchter — da bevölkerte sich der Wald mit Göttern und sie saßen auf jedem Baum, auf jedem Zweig. Krakus merkte, daß ein Schwert an der Wand rostete und trug darob großes Weh. Er berief seine Scharen haariger Menschen und zog mit ihnen fort auf Raub über die schneebedeckten Berge jenseits der Weichsel; die schöne Landana ließ er allein, denn Krakus hatte mehr Freude daran, Menschenköpfe mit seinem Schwert zu spalten als auf seinem Lager mit der schönen Landana zu ruhen. Landana sehnte sich nach Krakus, wartete auf ihn, wartete lange, weinte bei Nacht ihre schönen Augen rot — aber Krakus kam nicht. Der Waldvater konnte ihr Leid nicht mehr mit ansehen und trocknete mit seinen Küssen ihre Tränen. Damals wurde Wanda geboren, das Kind des Wassers mit den grünen Augen. Jahre waren vergangen, Krakus kehrte nicht wieder; Wanda, schön wie sieben Sonnen, wuchs heran mit Trauer im Herzen und hatte Sehnsucht nach dem Vater. Von den schneebedeckten Bergen jenseits der Weichsel stiegen riesige Scharen nieder wie Heuschrecken. Furcht ergriff die behaarten Menschen und sie kamen zu Wanda. „Sei unsere Königin!“ Wanda sammelte ihre Scharen am Ufer, erwartete den Feind und sang das Lied von der Weichsel. Wenn ihre Finger über die Harfensaiten strichen, begannen die Gräser zu sprießen, die Bäume zu blühen, und Wald und Wasser sangen mit. Der Feind stellte seine Scharen auf. Prinz Rüdiger trat vor Wanda hin, stieß sein Schwert tief in den Boden und neigte sich: „Schöne Prinzessin, ich habe noch nie meine Schiffe während des Sturmes Anker (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin) werfen lassen, und meine Scharen lachen des Windes, lachen der verschneiten Berge ... Sieh, hinter meinem blutigen Schwert ziehen Krähenscharen... Schöne Prinzessin!“ Wanda hob die Augen. „Ich will die Deine nicht sein, verfluchter Deutscher!“ Der Prinz zog sein Schwert aus der Erde und gab dreimal das Zeichen; aber seine Soldaten waren geblendet von Wandas Schönheit; sie konnten ihr nicht ins Antlitz schauen, wie man der strahlenden Sonne nicht ins Antlitz schauen kann, und rührten sich nicht vom Ort. Aus Kummer und Scham warf sich der Prinz in die Weichsel. „Jetzt bin ich dein!“ rief Wanda. Und sie wurde die Königin der Weichsel. Reb Itsche der Kabbalist Mordechai stand beim Fenster und blickte auf Reb Itsche, der bei einem eichenen Beth- Hamidraschtisch saß und eifrig lernte. Reb Itsche stand in den Dreißigern; er war groß und schlank, hatte schwarze tiefe Augen, ein wächsernes Gesicht, einen dichten schwarzen Bart und einen Mund voll weißer, ein wenig krummer Zähne, die aussahen wie Bäume, die der Sturm verbogen hatte. Reb Itsche war ein Kabbalist, ein chassidischer Denker. Diese Sorte von Juden gibt es nicht mehr. Sie tauchten auf, als der Chassidismus aufkam. Tallis und Tefillin unter dem Arme, wanderten sie von Stadt zu Stadt, überallhin, wo es eine jüdische Siedlung gab, sprachen über die chassidische Lehre und eroberten ihr mit ihrem starken Glauben und ihrer großen Liebe Polen, Galizien und Wolhynien. Bald nachdem der Streit zwischen den Chassidim und ihren Gegnern aufgehört und der Chassidismus weite Verbreitung gefunden hatte, verschwanden die chassidischen Denker. Die ersten chassidischen Rabbis vererbten ihren „Stuhl“ selten ihren Kindern; jeder Rabbi katte seine Schüler, junge Men-