Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 17 (26.4.1929)
- Date
- 1929-04-26
- Page
- Seite 265 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Beilage Isak Babel Ein Romancier des jüdischen Lebens in Rußland Von Valentin P a r n a c Die Annalen des jüdischen Lebens im alten russischen Kaiserreich sind übervoll von Geschehnissen, welche zugleich Tragödien und Grotesken sind. Man frage irgendeinen beliebigen russischen Juden nach Einzelheiten aus seiner Lebensgeschichte und man wird sofort etwas zu hören bekommen, was in gleicher Weise Empörung und Ironie herausfordert. Geboren in Odessa, in einer Familie kleiner jüdischer Kaufleute, hatte Isak Babel nicht weit nach den Stoffen für seine tragisch-grotesken Geschichten zu suchen. Wie Gorki die Untiefen Rußlands enthüllte, so beschwor Babel in seinen „Geschichten aus Odessa“ die ganze, den Europäern fast völlig unbekannte Welt der russischen Juden, unter denen man Gestalten findet, die geradezu phantastisch erscheinen. Seine Abenteurer und seine Apachen würden denen aus Marseille und Neapel gleichen, wenn sie nicht das Kennzeichen des jüdischen Schmerzes tragen würden. Es ist charakteristisch, daß der Führer einer Bande, dessen Porträt Babel nach dem brühmten „Mischkale, der kleine Japaner“ gezeichnet hat, ausruft: „Warum sind wir nicht in einem ordentlichen Lande geboren? Warum wohnen wir nicht an den Ufern eines hübschen Schweizer Sees, anstatt hier wie die Galeerensklaven zu leiden, oder wie die Verdammten in der Hölle?“ Die Jugend unseres Autors lernen wir in seinen autobiographischen Erzählungen kennen, wo er mit einer Aufrichtigkeit, wie sie nur in einem Gefängnis großgezogen werden kann, über die unvergeßlichen Ereignisse seines Lebens berichtet. Sogar die erste Liebe des Knaben ist unlösbar verbunden mit dem klassischen Schrecken des russischen zwanzigsten Jahrhunderts: mit dem Pogrom. Im Alter von 10 Jahren liebte Babel die Frau eines russischen Offiziers. Im Jahre 1905 wohnte er mit seinen Eltern in der Stadt Nikolajew, welche in der berüchtigten „Aufenthaltszone“ der Juden gelegen war. Damals brach ein Pogrom los; die Babels hatten die Möglichkeit in das Haus gerade jener jungen Frau zu flüchten, welche die Phantasie des künftigen Autors der „Ersten Liebe“ beunruhigte. Der Haufen der Pogromisten plünderte den Laden von Babels Vater und tötete seinen Großvater, welcher es gewagt hatte, Flüche gegen die Mörder auszustoßen. Im Hause derjenigen, welche er heimlich und mit der ganzen Verzweiflung seiner ersten Leidenschaft liebte, wurde der Kleine, unbewußt auch durch das blutige Schauspiel erschüttert, von einem seltsamen Übel befallen: er konnte nicht aufhören, den Schlucken zu haben; er gab sich vollkommen Rechenschaft darüber, daß er sich unmöglich benahm und war doch nicht imstande, diese sonderbare und fortwährende Art des Aufschreiens zu unterdrücken. Er redete sich in die Vorstellung hinein, daß er gegen die Pogromisten kämpfte. Zu gleicher Zeit ließ sein Vater den Schames kommen, um mit ihm zusammen an der Leiche des ermordeten Großvaters zu trauern und er machte sich bereit, die Klagelaute auszustoßen, wie sie die jüdischen Witwen bei Begräbnissen ertönen lassen, oder die Marokkanerinnen, wenn sie von Schmerz beladen sind. Doch die Mutter, das Entsetzliche dieser Klagen vorausfühlend, hinderte ihren Gatten daran, sich seinem Schmerze hinzugeben. „Sieh doch unser Kind an“, schrie sie. Röchelnde Schreie entrangen sich der Kehle des Kleinen. Dann kam etwas, was ihm ein unendliches Wohlgefühl gab. Die Mutter legte das Ende ihres Shawls auf seinen Mund und bat ihn, seinen Anfall zu überwinden. Aber, selbst wenn er es hätte können, so hätte er es doch nicht wollen. Keine Scham war mehr in ihm. Er schauderte in seinem Bett, er warf sich zu Boden, er ließ kein Auge von der jungen Russin und genoß eine Art von abscheulicher Herrschaft über sie. Die Frau schwankte vor .Furcht und der Kleine röchelte seine Schreie immer gerade in ihr Gesicht, um so sein Machtgefühl über sie zu verlängern. Schluchzend, triumphierend, erschöpft brach er seinem Herzblut Bahn. „So begann meine Krankheit“, bemerkt Babel. „Es ist ein Fall, wie er nach der Diagnose eines Arztes nur unter Juden vorkommt. Wenn ich mich an diese traurigen Jahre erinnere,“ vollendet Babel, „so finde ich in ihnen die Wurzel der Leiden enthalten, die mich quälen und die Ursache meines frühzeitigen Verfalls.“ Man könnte sagen, daß eine orientalische Musik, verzweifelt und machtvoll in ihrer Körperlichkeit, durch diesen Sang der Liebe zum Ausbruch gekommen ist. Babel, dessen Namen die Erinnerung an das jüdisch-babylonische Altertum wachruft, dringt bis an die Quellen menschlichen Gefühls. Und wie Heinrich Heine in der Einleitung zum „Rabbi von Bachrach“ ausruft, er habe den tausendfachen Schmerz beschworen, so könnte auch die „Erste Liebe“ von Babel dieses Motto tragen. Das bekannteste Buch dieses Schriftstellers, „Die rote Cavallerie“, ist eine Novellensammlung aus der Zeit des polnisch-russischen Krieges. In diesen Annalen exzentrischer Wildheiten fehlt es nicht an lyrischen Abschweifungen. Der Autor erweist sich hier als ein Kenner und Feinschmekker des Argot der Bauern und Soldaten, er schwelgt allzusehr darin und mißbraucht es oft. Dieses Buch wird auf den jüdischen Leser weniger Eindruck machen. Aber wer Mut hat, einer gräßlichen Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen, der lese z. B. die Novelle „Bei Machno, unserem kleinen Vater“, wo der Autor den Fall einer jungen Jüdin analysiert, eines Dienstmädchens, welches von sechs Leuten aus der Bande Machnos vergewaltigt wurde. Der Autor zeigt in dieser Erzählung eine seltsame Ruhe, eine Ruhe, wie sie nur bei primitiven Wesen möglich ist, oder bei Künstlern, welche bereits unsagbaren Leiden und Häßlichkeiten als Überwinder gegenüber stehen. Die russisch-jüdischen Schriftsteller haben schwere Aufgaben zu erfüllen. Wie wir heute aus Blättern spanisch-jüdischer Dichter uns das Martyrium der Juden in Spanien rekonstruieren, so werden unsere Nachkommen eines Tages