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Das jüdische Echo · 1929-04-26 · 4 (26.4.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 13

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
4 (26.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-26
Page
Seite 13 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 13 gingen mit den Frauen und sangen laut; erschrocken hoben sich die Vögel von den Zweigen, hielten eine Weile vor der Sonne an und jubelten erst leise, dann höher und höher, bis zum lautesten Triller; das Vogelgezwitscher erfüllte den Wald, die weiten nackten Felder und vereinigte sich mit dem Fischergesang. Der Prozession fuhr ein Wagen mit Krüppeln nach — meist Kinder mit großen Wasserköpfen, dünnen Beinen, die wie Stückchen aussahen, und hart gespannten geschwollenen Bäuchen, wie Pauken, von zuviel ungeschälten Kartoffeln. Beim Muttergottesbild am Kreuzwege, das vor langen Jahren aufgestellt worden war, damit die Cholera aufhöre, machte die Prozession halt. Am Fuße des Standbildes, wo der „böse Geist“ begraben lag, wurde die Puppe niedergelegt, und die Jugend zündete ein Feuer an. Die Mütter nahmen ihre Kinder vom Wagen, brachten sie zum Muttergottesbild, und die Krüppel schmückten es mit Kränzen aus Papierblumen und grünem Wacholder.. Die kranken Kinder streckten ihre dürren Ärmchen der Mutter Gottes entgegen, schauten in ihre träumerischen Augen, blickten auf ihre schönen halbgeöffneten Lippen, fühlten, strahlend glücklich, daß es ihnen besser wurde, und hofften, die Mutter Gottes werde sich für sie bemühen. Die unglücklichen Mütter fielen mit ihren Krüppeln der Mutter Gottes zu Füßen — und auch zu Füßen der Puppe; Tränen in den Augen, beteten sie lange und leise und strichen dabei fortwährend den Kindern mit geweihten farbigen Eiern und Teufelsfingern über die Augen. „Genug, Weiber, genug!“ rief ein Fischer. — „Geht und setzt die Krüppel wieder auf den Wagen!“ „Ach was!“ rief ein zweiter und kratzte sich dabei unterm Hut. „Es wird genau so helfen wie Weihrauch einem Toten!“ „Ob es helfen wird oder nicht, das weiß ich nicht! Das ist Gottes Sache!“ — Eine Bäuerin in mittleren Jahren erhob sich und nahm hastig ihr krankes Kind auf den Arm. — „Aber lachen, Bruder, darfst du nicht! Sonst können dir die Beine dürr und krumm werden und man wird dich auf einer Karre heimbringen müssen!“ „Verzeih mir solche Rede, heilige Mutter Gottes“ — ein zweites Weib hatte sich erhoben und bekreuzte sich vor dem Bilde — „für solche Worte möge ihm das Maul hinten stehen!“ „Nun, genug, genug, Weiber!“ rief es von allen Seiten. Ein älterer Fischer steckte die Hände in die Hosentaschen, spuckte aus und sagte, als spräche er zu sich: „Wer zuviel betet zur heiligen Mutter, Hat sicher auf dem Kopf viel Butter!“ Alle lachten. Die Mütter mit feuchten Augen und leidenden Zügen brachten die Krüppel wieder im Wagen unter. Die älteren Fischer gossen einander aus Fläschchen Wasser über die Hände, setzten sich um das Feuer und bewirteten einander mit gefärbten Eiern; dabei klagten sie, daß die Jugend verdorben sei und daß der Festzug von Jahr zu Jahr schwächer werde. Die Jugend goß einander ganze Eimer voll Wasser, nicht etwa über die Hände, sondern in den Nacken — mit Quietschen rannten die Mädchen durch den Wald wie auf geschreckte Vögel und versteckten sich hinter den Bäumen. Die Burschen jagten den Mädchen nach, fingen sie, und lachend und schreiend verlor sich die Jugend pärchenweise im Walde, setzte sich unter die alten Eichen, und eins an das andere gedrückt feierten sie zusammen mit dem alten dichten Walde das Fest des Tages, da Madzianna sich der Mutter Erde ergeben. Unter den Pärchen befand sich auch Mordechai. Mit einer Hand hielt er die blasse, schwarzäugige Rachel, des Pächters Tochter, umfaßt, mit der anderen glättete er ihre zerzausten, schwarzen Haare, welche beinahe ihr ganzes Gesicht verdeckten. Mordechai saß atemlos; er glaubte nicht, daß er wirklich Rachel hielt, und wußte nicht, wie es gekommen war. Als er zusammen mit den Burschen nach den Mädchen lief, hatte er sich vorher umgeschaut, um sich zu vergewissern, daß ihn niemand von seinen Angehörigen sah. Als er schon tief in den Wald gelaufen war, da merkte er plötzlich, daß er Rachel nachjagte, und schämte sich. Er wußte, daß ihn Rachel für einen kleinen Jungen hielt, ihn immer zum Rotwerden brachte und über ihn hinwegsah; da hatte sich Mordechai eingeredet, daß er sie haßte. Wer war sie denn? Eines armen Pächters Tochter! Wenn er wollte, könnte er den Vater bitten, und der Pächter würde weggeschickt. Je mehr Rachel ihn mied, desto stärker redete sich Mordechai ein, daß er sie nicht ausstehen könnte. Dabei aber schickte er statt einen Sack Kleie für des Pächters Pferde in der Woche deren zwei. Als Mordechai merkte, daß er mit Rachel

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