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Das jüdische Echo · 1929-04-26 · 4 (26.4.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
4 (26.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-26
Page
Seite 12 (sequence 2)
Language
German
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12 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 4 gen. — „Es bleibt ja unter uns — mir gefällt er besser als Reb Mendele. Reb Mendele hat zuviel Weiber um sich. Das gefällt den Leuten. Aber Reb Itsche, verstehst du, ist ein Engel! Vielleicht — durch seine Gnade — wir wohnen ja unter, einem Dach — weißt du, so Gott will, im Herbst schicke ich dich mit Reb Itsche nach Kozk.“ Abraham ließ Mordechais Arm los, rieb sich die Hände, strich sich durch den langen Bart, und nachdem er schweigend einige Schritte vorausgegangen war, wandte er sich um: „Ich sehe ja, dich zieht es zu den Fischern, was? Also geh! Ja, was wollte ich sagen? Ja, hör’ zu, Lausbub!“ — lächelnd drohte der Alte mit dem Finger — „laß die Fischermädels in Ruh’, hörst du?“ Mordechai schlug die Augen nieder; bei den letzten Worten des Vaters errötete er wie ein junges Mädchen. Er blieb stehen und sah dem Vater nach, wie er dahinging, tiefe Fußspuren hinter sich lassend, steif, mit emporgerichtetem Kopfe, dabei die Arme wie Flügel bewegend; Wärme durchzog Mordechai. Und dann sah er, wie der Vater mitten im Gehen den Kopf senkte; der stets gerade Rücken beugte sich und die ganze Gestalt wurde mit einem Male schwerfällig und alt; Mordechai durchflog der Gedanke, bald, bald werde er allein im großen Walde bleiben, der letzte seines Stammes. Er schämte sich, weil ihm solches in den Sinn gekommen war. Er fühlte wehe, starke Liebe zum Alten. Er liebte ihn für seinen Zorn, seine Streitsucht, für die Schläge, die er von ihm erhalten, und es schmerzte ihn, daß mit dem Vater der Stamm fast zu Ende ging. Die Prozession - Mordechai lenkte seinen Schritt zu den Fischerhäusern. Eine alte, dürre Buche, die einzige im ganzen Walde, mit runzliger Rinde, stand auf einem Hügel. Sie war über und über mit eingeschnittenen Namen Unbekannter bedeckt, mit Namen Verliebter und mit Daten. Unter den Namen hoben sich deutlich die quadratischen hebräischen Zeichen von Mordechais Großvater und Urgroßvater hervor, welche sie vor Jahrzehnten eingeschnitten hatten; sie hatten sich wohl freudig ausgemalt, daß einer ihrer Enkel oder Urenkel diese Zeichen lesen, an ihren Ursprung denken und sich der Ahnen erinnern werde. Mordechai blieb stehen. Die großen grauen Augen des Sechszehnjährigen weiteten sich und mit einem Male fühlte er unbewußt hinter sich Generationen; er fühlte die Kraft in sich, den Faden weiterzuspinnen. Ebenso wie die Waldheger glaubte Mordechai, daß die Buche, wohl die einzige ihrer Gattung, die in ganz Polen übriggeblieben war, wenn sie in einem Lande verschwindet, im anderen emporwächst und nach etlichen Generationen sich wieder verbreitet. Durch den Wald drang Gesang. Mordechai legte das Ohr an die Wurzeln eines Baumes — er wollte wissen, woher der Gesang kam; aber die Stimmen vermengten sich, kamen von allen Seiten und widerhallten wie das Summen in einem Bienenstock. Mordechai schritt durch den Wald, riß vorjährigen schwarzen Wacholder ab, der wie große schwarze Brombeeren aussah, kaute die Beeren und dachte an den Vater, an die Prozession und daran, daß die Bauern bitteren Wacholder in Wasser aufweichen, ihn dann durch Stroh seihen, mit Hopfen mischen und so ein schwarzes Hausbier brauen. Er trat aus dem Walde und betrachtete die alten Kiefern, die noch im vorigen Jahre geblüht hatten. An ihren Spitzen hatten sich Kronen länglicher Nadeln gebildet, die wie große Nester aussahen. Das war das Zeichen, daß sie nicht mehr weiterwachsen würden. Sie reckten die stolzen*Köpfe, und stumm, wie zum Tode Verurteilte, harrten sie der Axt. Mordechai erkletterte eine Kiefer — er hielt Ausschau nach den Fischern. Er sah den alten Wald sich stolz meilenweit hinziehen, sah aus verfaulten Stümpfen junge Eichen sprießen, sah die nackten Felder sich begrünen, sah aus den kleinen Fischerhäuschen nach dem langen schweren Winter auf allen vieren neue Geschöpfchen kriechen: sie sahen aus wie Küchlein, die aus dem Ei geschlüpft waren, und öffneten verwundert die Mäulchen, blinzelten mit den hellen Äuglein und blickten auf die blauen Wälder und den noch blaueren Himmel. Da faßte Mordechai die Kiefer fester, streckte den Kopf über ihre Krone, blickte freudig von Osten nach Westen und empfand Entzücken über Gottes schöne Welt. Die Fischer zogen, jung und alt, mit Gesang vom Bauernwald in den Adelswald und vom Adelswald in den Regierungswald. Voran schritten in rotgestreiften Kleidern vier Mädchen und trugen die Strohpuppe. Die weißen Tüllschleier, welche von den Köpfen der Mädchen wehten, hoben sich im Wind und flatterten wie Fahnen über der Puppe. Die Fischer, bronzefarben und stahläugig,

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