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Das jüdische Echo · 1929-04-26 · 4 (26.4.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 14

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
4 (26.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-26
Page
Seite 14 (sequence 4)
Language
German
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14 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 4 allein im Walde sei, da fühlte er, wie ihm das Blut in die Schläfen stieg; er wollte sich hinter einem Baume verstecken, damit sie ihn nicht bemerke. Aber gerade in diesem Augenblick blieb Rachel stehen und wandte sich um. Lange Zeit sahen sie einander an. Rachel wurde rot, schlug ihre großen Augen nieder, die schwarz waren wie der Wald, dann hob sie sie wieder und blickte Mordechai weich und warm an. Im Walde war es dunkel, ringsum kein lebendes Wesen — Mordechai vergaß alles und umfaßte Rachel. Sie blieben unter einem Baume stehen. Vor Freude schloß Mordechai die Augen; er fühlte, wie das Blut ihm aus den Schläfen wich und seine Füße schwer machte, als wären sie in der Erde eingegraben; aber im Kopfe wurde es bei ihm hell, alles wurde geradezu durchsichtig, daß er meilenweit sehen konnte. Er umfaßte Rachel fester und küßte sie auf Hals und Augen. Das Mädchen wehrte sich nicht; halb ohnmächtig hing sie an seiner Schulter, ihre Lippen waren ein wenig geöffnet. Mordechai fühlte ihre schwarzen Haare in Strähnen über sein Antlitz fallen, fühlte, wie ihr Atem sein Ohr wie Straußfedern streichelte. Vorsichtig hob er sie empor und setzte sich mit ihr unter einen Baum. Leise rauschte der Wald. Die riesigen Kiefern sahen im Scheine der untergehenden Sonne wie Säulen aus Kupfer und Bernstein aus, deren Knäufe den Himmel stützen. Die dünnen Wacholderbäumchen, um die sich niedrige Sträucher wie Krinolinen bauschten, wiegten und bogen sich zwischen den Kiefern wie junges Weibsvolk. Wolkenfetzen, die über den Himmel verstreut waren, ließen sich allmählich auf den Wald nieder und hüllten die Baumspitzen ein. Die Wipfel durchstachen die Wolken und der Himmel blutete. Die Fischer beugten sich zu den Baumwurzeln nieder, legten die Hände und die Hüte an den Mund und schrien, daß es dumpf und lange im Walde hallte wie aus den Tiefen der Erde. Die Alten riefen die Jugend. Rachel riß sich, halb schämig, halb böse, aus Mordechais Armen los, richtete das Haar, riß mit beiden Händen Moos aus, bewarf Mordechai damit und tat, als wäre sie böse: „Geh, du bist schlecht!“ Von allen Seiten antwortete die Jugend aus dem Walde mit Pfeifen und Gesang und kam paarweise zwischen den Bäumen hervor; es sah aus, als wären in den tiefen Höhlen die Waldgötter wieder auferstanden und zogen den dunklen Wald entlang zur Weichsel, Wanda zu grüßen. Mordechai ging mit Rachel; er wollte sie zurückhalten, wollte ihr etwas Lustiges erzählen; aber es fiel ihm nichts ein. Immer wieder faßte er ihre Hand, ließ sie los und nahm sie wieder. Er schaute auf den alten Wald, aus dem dunkle Töne drangen, und spürte, wie jeder Baum ihm rief. Immer langsamer ging Mordechai der Prozession nach, blieb bald weit zurück und hörte den Gesang immer stiller und stiller werden. Dann setzte er sich mit Rachel unter einen Baum. Über der Weichsel erhoben sich Wasservögel mit länglichen Schnäbeln, blieben eine Weile still in der Luft wie weiße Flecken und begrüßten die Nacht mit ihrem tschirtschir. Die Nacht breitete sich über den Wald aus. Er wurde dichter und tiefer. Die Nachtvögel schüttelten ihren Tagschlaf ab, schauten von den Wipfeln der Bäume mit grünen Augen nieder und schlugen mit den schweren Flügeln; zu weit und zu tief geworden, benahm der Wald den Atem und jagte Furcht ein. Von ferne schillerte die Weichsel wie bläulicher Stahl; sie schien immer näher zu rükken, und es sah aus, als hätte der Waldzauberer die Bäume und das Wasser verstellt, aus seinen breiten Ärmeln Fledermäuse wie Pfeile abgeschossen und alles für das mitternächtige Zauberhochamt vorbereitet, auf das er wartete. Die Fischer sammelten sich wie Schatten am Ufer des Flusses. Mit einem Male verschwanden sie irgendwo, und ihr inniger Gesang strich bis Mitternacht über die nackten Felder und über den Wald; die hundertjährigen Eichen sangen die Begleitstimme. Vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch jung waren und die Sprache der Bäume verstanden, lebte Prinz Krakus, Ljachs jüngster Sohn. Krakus wohnte mit seiner jungen Frau Landana am Quell der Weichsel in einer Höhle, die die Form eines Menschenschädels hatte. Die Höhle war weit und breit berühmt. Damals waren die Menschen gut. Sie wußtep, daß der Herr des Waldes, der graue Waldvater, der vor Alter dicht mit Moos bewachsen war, jedes Bäumchen streichelte, jedes Zweiglein küßte und den Wald liebte wie eine Mutter ihre Kinder. Sie wußten, daß der Waldvater in jedem Baum, in jedem Blatt, in jedem Zweig wohnte; es war ihm eng und stickig in einem eigenen Hause, darum erbauten ihm auch die Menschen kein eigenes Haus. Fortsetzung folgt.

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