Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 4 (26.4.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-04-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin) 3. Fortsetzung „Ich werde nicht vergessen.“ Abraham zog die silberne Tabakdose hervor, klopfte einige Male mechanisch auf den Deckel, nahm eine Prise und streckte ohne aufzusehen die Dose Marcin hin. Marcin näherte sich auf den Zehenspitzen, zwei Finger vorbereitet, und sah aus, als schicke er sich an, einen Fluß auf einem schmalen Stege zu überschreiten. „Ha-a-tschi! Das beißt!“ — der Heger nieste, daß es wie ein Pistolenschuß knallte, und fühlte eine Taubheit in den Ohren, wie wenn ihm Wasser hineingekommen wäre. „Nun, Marcin, was sagst du?“ fragte Abraham den Heger. „Wird es heuer eine gute Ernte geben?“ „Wer weiß? Gott allein weiß, Herr, was sein wird! Die Menschen haben schon genug gehungert! Man erzählt, daß das Bauernvolk ringsum rebellisch wird! In Peplowka haben die Bauern keine Kartoffeln für den Hof setzen wollen und gedroht, den Gutsherrn zu erschlagen. Das sind Zeiten! Der Bauer hebt die Hand gegen den Gutsherrn.“ Marcin, selbst ein Bauer aus einem alten Bauerngeschlecht, ein Leibeigener des Hofes, haßte trotzdem die Bauern. Er hielt sich für eine Art Schlachtschitz und sprach von den Bauern und zu ihnen von oben herab. „Beim alten Tabetzki wäre so etwas nicht vorgekommen!“ brummte Abraham in seinen Bart. „Der hat mit Knuten geschlagen und sie haben die Knute geküßt! Na ja, der Junge, das Herrchen, ist ja klüger als die ganze Welt! Er hat ja für die Kerle eine Schule gebaut; jetzt hat er’s! Glaube mir, obwohl der Alte mit Knuten schlug, hatten ihn die Bauern lieber als den Jungen!“ „Was sagt Ihr dazu, Herr?“ warf der Heger ein, „Die Bauern erzählen, der Kaiser werde ihnen den Boden' schenken; dann wird es keine Herrschaft mehr geben. Ha, ha, ha, ist es nicht zum Lachen?“ Im Wald ertönte Gesang. Er schlug an die Bäume und hallte wie eine entfernte Kirchenorgel wider. Einen Augenblick spitzten alle drei die Ohren und horchten, woher der Gesang käme. „Die Fischer singen.“ Marcin bekreuzte sich. „Sie gehen mit der Prozession. Meine Alte und Wacek sind auch dort.“ Der Heger zog den Hut, verbeugte sich tief und wandte sich zum Gehen. „Richtig, ganz vergessen!“ — Abraham fuhr sich über die Stirn. — „Hast du ihnen Bier geschickt?“ „Ja, fünf Fässer.“ „Gut.“ „Marcin!“ rief Mordechai dem Heger nach. „Warte ein wenig, Marcin, ich gehe mit!“ „Er wird nicht gehen!“ schrie Abraham und winkte Marcin mit der Hand, er möge allein gehen; dann wandte er sich an Mordechai. — „Du bist schon dabei hinzurennen! Ich habe dir gesagt: seit sie das Heiligenbild hart an der Waldeinfahrt aufgestellt haben, tritt mein Fuß nicht mehr unter sie; und du darfst auch nicht gehen, hörst du?“ Mordechai antwortete nicht; er stand verärgert da, trat heftig mit der Spitze seines Stiefels auf dürre Zweige, daß sie knackten, und hörte zu, wie es um ihn seidig * rauschte; und durch den Wald ging ein Zittern, benahm den Atem und lockte. Vater und Sohn gingen langsam nebeneinander her und schwiegen. Plötzlich legte Abraham die Hand auf Mordechais Schulter und zog ihn an sich: „Weißt du, mein Einziger, trotz allem habe ich dich lieb. Bist halt im ganzen nach dem Vater geraten, auch so ein sündiges Wesen wie ich. Ha, ha, ha!“ Mordechai traute seinen Ohren nicht; mit weitgeöffneten Augen sah er den Vater an. Solche Reden hatte er nie von ihm gehört. „Was schaust du mich so an, ha?“ — der Alte lächelte weich und nahm den Sohn beim Arm. — „Wunderst du dich? Ja, sag’ doch, wie gefällt dir Reb Itsche? Das ist ein Frommer. Was?“ — begann der Alte unvermittelt, als wollte er den Sohn vom Thema abbrin-