Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-04-26 · 17 (26.4.1929) · p. Seite 260

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
17 (26.4.1929)
Date
1929-04-26
Page
Seite 260 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9164477--09383-9082291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

260 Das Jüdische Echo Nr. 17 Der Kronzeuge von Tisza-Eszlar Moritz Scharf gestorben In Not und Armut ist in der vorigen Woche in Amsterdam, 60 Jahre alt, der „Kronzeuge“ des klassischesten Prozesses, der aus einer Ritualmordlüge je gekleistert worden ist, gestorben. Moritz Scharf, der damals 14jährige Sohn des Tempeldieners von Tisza-Eszlar, wurde, wie bekannt, unter den unglaublichsten seelischen und körperlichen Erpressungen zu der ungeheuerlichen Aussage gezwungen, daß er durch ein Schlüsselloch gesehen habe, wie sein Vater in Gesellschaft mehrerer anderer ortsfremder Juden der um jene Zeit verschwundenen kleinen Esther Solymossy für die rituellen Zwecke des herannahenden Pessachfestes in bestialischer Weise das Blut abgezapft habe. Vorher schon hatte dieselbe Untersuchungsmaffia die Aussage des fünfjährigen Bruders des Moritz Scharf, Samuel, „protokolliert“, wonach auch dieser zuverlässige Zeuge die ganze schaurige' Ritualmordgeschichte mit dem Christenmädchen mit eigenen Augen gesehen habe. Noch niemals haben gewissenlose Hetzkapläne, korrupte Untersuchungsrichter, verblendete Justizbeamte, eine so widerlich niederträchtige Verschwörung gegen das Judentum angezettelt, als vor genau 46 Jahren in Tisza-Eszlar. Ich lebte damals in Budapest und erinnere mich noch ganz genau an die furchtbaren Tage, in denen wir Juden in Ungarn in jener Zeit lebten. Ich sehe noch die Leitartikel der antisemitischen Blätter vor mir und habe es miterlebt, wie, je hartnäckiger und rücksichtsloser die Verwaltungs- und Justizbeamten in jenem verworfenen Winkel Ungarns an dem Aufbau des Lügengewebes über den Ritualmord arbeiteten, die liberale Tünche mancher angeblich judenfreundlichen Persönlichkeit allmählich verblaßte und ins Antisemitische hinüberlief. Der Plan war ja vorzüglich ausgeheckt. Dem jüdischen Volk wird ja von seinen Gegnern Reinheit des Familienlebens und der bedingungslose Respekt vor dem Familienoberhaupt, die Heilighaltung des Gebotes. „Ehre Vater und Mutter“ zugestanden. Niemals — so argumentierte damals ein in der Mitte zwischen ausgesprochenem Antisemitismus und bedingungsloser Judenfreundlichkeit lavierendes Blatt — könnten jüdische Kinder, selbst unter den Qualen der höchsten Marter, gegen den eigenen Vater, den sie doch als einen Heiligen verehren, eine so furchtbare Anklage erheben, wenn ihr nicht zumindest der Schein der Berechtigung zugrunde läge. Die konzilianteren unter den Talmiliberalen, die mit den reichen Juden in lohnender Verbindung standen, konnten auch nicht umhin, bei aller Referenz vor ihren gut zahlenden jüdischen Freunden, dem Zweifel Ausdruck zu geben, ob es nicht in jener Gegend um Tisza-Eszlar, wo so viele fromme orthodoxe Juden leben und sehr häufig von „galizischen Kaftanjuden“ heimgesucht wird, eine Sekte besteht, die nicht nur an den Ritualmord glaubt, sondern ihn auch betätigt. So war die Atmosphäre beschaffen, in welcher der Fall Tisza-Eszlar und die Affäre des Moritz Scharf entstanden ist. Ministerpräsident war damals der alte Protestant Koloman Tisza, der Vater Stephan Tiszas. Koloman Tisza entging es nicht, daß die ganze Ritualmordhetze von katholisch-klerikaler Seite nicht nur gegen die bedeutungslose Familie des Schächters Scharf, auch nicht nur gegen die sogenannten galizischen Juden und die Juden überhaupt, sondern auch gegen ihn, den protestantischen, unüberwindlich scheinenden Ministerpräsidenten und Führer des vom katholischen Klerus so ungern gesehenen Liberalismus gerichtet war. Schon damals wurde der Versuch gemacht, einen christlich-nationalen Kurs in Ungarn zu inaugurieren, in welchem alle christlichen Elemente gegen das Judentum und den Liberalismus konzentriert werden sollten. Und in der Tat begann eine schwere, rücksichtslose, von den niedersten Instinkten genährte antisemitische Propaganda das Land zu unterwühlen. Die gefährlichsten antisemitischen Führer und Publizisten, Istoczy, Verhovay und andere wuchsen aus diesem Sumpf zu großer Macht und starkem Einfluß empor. Diese allgemein politische Lage hat eigentlich dazu geführt, daß die Regierung des Koloman Tisza alles aufbot, um in der Affäre Tisza-Eszlar die Unterdrückung der Wahrheit, wie immer sie lauten möge, zu verhindern. Der Verlauf des Prozesses und sein Abschluß sind ja jetzt anläßlich des Ablebens des Moritz Scharf in der Tagespresse wieder ausführlich re- MERCEDES-BENZ Ein Wagen, den alle bewundern zuverlässig — bequem elegant — preiswert DAIMLER-BENZ A.-G. Verkaufstelle München, Lenbachplatz 4 ■ Fernruf 59390 LEITER: DIREKTOR JAKOB WERLIN 99999999999^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.