Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 16 (19.4.1929)
- Date
- 1929-04-19
- Page
- Seite 253 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Das Jüdische Echo 253 m. und bat ihn, den Delegierten der ITO in Lissabon mitzutcilen, daß auch Spanien bereits längst den Schaden eingesehen habe, der durch die Vertreibung der Juden entstanden sei, und die spanische Regierung nun gern. bereit sei, falls die Juden den Wunsch haben, nach Spanien zu übersiedeln, ,ihnen verschiedene Vergünstigungen zu gewähren. Einige Zeit später kam Jocheimann aus Kiew, dann aber auch Zangwill aus London an. Zangwill brachte ein Schreiben des englischen Außenministers, Sir Edward Grey, an den englischen Botschafter in Lissabon mit, in dem dieser aufgefordert wurde, uns in jeder Weise behilflich zu sein, und nun ging die Arbeit erst recht los. Die Frage der Übergabe Angolas an die Juden sollte nunmehr im Parlament erörtert werden. Unsere gesamte Delegation, darunter, auf Bestehen Zangwills, auch meine Frau, erschien im Parlament, als die betreffende Sitzung bereits begonnen hatte. Als man den Präsidenten unsere Ankunft mitteilte, unterbrach er die Sitzung, trat zu uns heraus und lud uns in sein Arbeitszimmer ein, wo er sich mit uns unterhielt; dann wohnten wir in einer Loge den Debatten bei. Die Berichte über diese Parlamentssitzungen erschienen in der Presse, ebenso wie Artikel, die der Angola-Frage gewidmet waren;, allein gleichzeitig begann diese Frage sich zu komplizieren. Die portugiesische Regierung war nämlich wohl bereit, jüdischen Einwanderern alle möglichen Vergünstigungen zu gewähren, aber sie trug Bedenken, mit einer juristischen Persönlichkeit wie die ITO, deren Vorstand in London sich unter dem Protektorat Englands befand, einen Vertrag einzugehen. Dabei ist zu bemerken, daß England damals einen starken Einfluß auf Portugal besaß, und manche sogar die Revolution der Einwirkung des „hinterlistigen Albion“ zuschrieben. Nun wagte zwar die parlamentarische Opposition in Portugal nicht, England direkt die Absicht unterzuschieben, vermittels der ITO sich Angola aneignen zu wollen, aber sie betonte vorsichtigerweise doch, daß es im Interesse Portugals liege, das Land einzelnen Einwanderern, nicht aber juristischen Personen, wie die ITO zu überlassen. Unsere Delegation in Lissabon studierte inzwischen das Klima und die Vegetation Angojas, indem sie das betreffende Museum besuchte und zog auch Informationen ein von Leuten, die Angola in dienstlichen oder geschäftlichen Angelegenheiten besucht hatten. Terlo, der alle und alles in Lissabon kannte, war uns hierbei sehr nützlich. Um uns der Kenntnis Angolas noch näher zu bringen ließ die Regierung sogar den dortigen Generalgouverneur nach Lissabon kommen. Zangwill pflog mit ihm eingehende Unterhaltungen, an manchen von denen unsere gesamte Delegation teilnahm. Als der Generalgouverneur wieder abreiste, gaben wir alle ihm das Geleit zum Schiff. Trotz des Einflusses des englischen Botschafters kam uns indessen die portugiesische Regierung in der Hauptsache nicht entgegen. Wohl erklärte sie sich bereit, einzelnen Ansiedlern auf Grund von Empfehlungen öffentlicher Organisationen unentgeltlich Boden anzuweisen und sie samt ihren Familien und ihrer Habe auf Staatskosten von Lissabon nach Angola zu befördern, sie vom Militärdienst zu befreien, ihnen bei der Anschaffung des Inventars usw. behilflich zu sein, — all das aber nur unter der Bedingung, daß die betreffenden Verträge ausschließlich mit den einzelnen Ansiedlern, nicht aber mit irgendwelchen Organisationen abgeschlossen werden sollten. Dennoch fuhr Zangwill fort, die ganze Angelegenheit ziemlich optimistisch zu beurteilen, in der Überzeugung, daß man mit der portugiesischen Regierung schließlich doch zu Rande kommen werde; er hielt es aber für notwendig, vorher eine Kommission von Sachverständigen nach Angola zu entsenden, um das Land in sanitärer und landwirtschaftlicher Beziehung zu untersuchen. Bensaud übernahm es, Zangwill über alle die Angora-Frage betreffenden Debatten in der Presse auch weiter izu unterrichten1. Nachdem Zangwill, Jocheimann und Rubinstein Lissabon verlassen hatten, reisten auch wir zu Schiff nach Le Havre, dann nach Paris ab. Diese Reise auf einem Ozeandampfer war sehr interessant. Der Dampfer war übrigens nicht sehr groß, aber er hatte die allerverschiedensten Passagiere an Bord: Brasilianer, Deutsche, Französinnen, Jesuitenpater; viel wurde auch hier über die Juden und das Angebot der portugiesischen Regierung gesprochen. Unter den Brasilianern gab es einige hohe Staatsbeamte. Sie betonten, daß es für die Juden das Beste wäre, sich in Brasilien niederzulassen, daß dort viel Boden vorhanden, das Land reich sei, und die Regierung den Juden verschiedene Vergünstigungen gewähren würde. Sie ersuchten mich, in Paris die brasilianische Gesandschaft aufzusuchen, wo Material über die Frage der Heranziehung der Juden nach Brasilien vorhanden sei. Nach Petersburg kehrten wir im Oktober desselben Jahres 1912 zurück. Die Eindrücke meiner Reise nach Portugal teilte ich sowohl in Moskau als in Petersburg in vielen Organisationen mit. Einen eingehenden Bericht über diese Reise erstattete ich dann im Sommer 1913 in Kissingen in einer Versammlung, die zum Zweck der Unterstützung jüdischer Studierender im Auslande veranstaltet wurde. Mit der Familie Bensaud standen1 wir lange Zeit in Briefwechsel. Frau Bensaud und ihre Tochter besuchten uns auch in Paris. Mit dem Ausbruch des Weltkrieges traten aber alle ähnlichen Fragen und so auch die Angola-Frage vollkommen in den Hintergrund ...“ GEN ERALVE RTRET UNG Thiersthstr. 20 •Tel:26482 u.296995