Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 16 (19.4.1929)
- Date
- 1929-04-19
- Page
- Seite 252 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9164470--09374-9082282- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
252 Das Jüdische Echo Nr. 16 der Juden nach Angola ein. Terlo spielte bei dieser Unterhaltung den Dolmetscher. Übrigens sprach der Arzt auch französisch, und meine Frau übersetzte mir dann, was er ihr sagte. Wir verbrachten fast den. ganzen Tag bei Terlo. Am nächsten Tage wollte er uns mit einem Manne bekannt machen, der über das Angebot der portugiesischen Regierung gut informiert war und eine hervorragende Stellung in den politischen Kreisen Portugals einnahm. Es war Alfred Bensaud, Direktor der Technischen Hochschule in Lissabon. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts waren Bensauds Ahnen die ersten Juden, die aus Holland nach Portugal auswanderten. Zuerst ließen sie sich auf den Azoren nieder, dann kamen ihre Nachkommen nach Lissabon. Während eines ganzen Jahrhunderts gab das Geschlecht der Bensauds eine Reihe von Männern her, die sich im staatlichen, wissenschaftlichen und kommerziellen Leben Portugals hervorragend betätigten. Auf den Azoren gibt es noch heute an verschiedenen Orten Straßen, die nach den Bensauds benannt sind. In Lissabon lebten zu meiner Zeit außer Alfred Bensaud auch verschiedene Verwandte von ihm, und alle genossen sie die größte Achtung. Alfred Bensaud selbst war ein Mann von etwa 50 Jahren, von bezauberndem Äußeren und tiefer und vielseitiger Bildung. Seine Villa stellte den Mittelpunkt des geistigen Lebens der portugiesischen Hauptstadt dar. Alfred Bensaud selbst war unter dem königlichen Regime Vertreter der Technischen Hochschule und wurde nach der Revolution zu ihrem Direktor ernannt. Man hatte ihm den Posten eines Kultusministers angetragen, aber er lehnte ab. Diese Ablehnung motivierte er damit, daß Portugal ein armes und unwissendes Land sei und vieler Schulen bedürfe, dem Staate aber hierfür die nötigen Mittel mangeln: daher hielt er, Bensaud, sich der Riesenaufgabe nicht für gewachsen. Von Alfred Bensaud erfuhren wir nun alles, was uns in der Angola-Prage interessierte, und zwar: Das verarmte, durch das königliche Regime und die katholische Geistlichkeit ruinierte Portugal hatte nach der Revolution von 1910 die Republik proklamiert. Die Regierung der jungen Republik und alle hervorragenden Politiker machten sich eifrig an die Reformarbeit im Lande. Die wichtigste Frage war die Kolonienfrage. Deutschland, England und Belgien hatten seinerzeit Portugal seine besten Kolonien genommen, und es war ihm nur noch Angola im Südwesten von Afrika geblieben. Das Territorium von Angola übersteigt das von Portugal um das Sechs- bis Siebenfache. Um es aber dem Mutterlande nützlich zu machen, müßte es vor allem besiedelt werden. Dazu fehlte es aber an der Möglichkeit, denn von seiner nur 6,5 Millionen Menschen betragenden Bevölkerung konnte Portugal keinen Teil für Angola hergeben. Und doch mußte das Siedlungswerk beschleunigt werden, da Deutschland ein Auge auf Angola geworfen hätte, und Portugal somit die Gefahr drohte, auch diese reiche und letzte Kolonie einzubüßen. Mit wem sollte sie aber besiedelt werden? Deutsche, Engländer, Italiener und dergleichen dorthin kommen zu lassen wurde als gefährlich betrachtet, da Deutsche Weuwäscherei €r.m.t>.H. FELIX BRAXDNEB * MtJfCHEM Thierschstraße 21 Telefon Nr. 23708 Spezial-Dampfwaschanstalt für Herren-Plättwäschenur Kraeen, Manschetten, Vorhemden und Oberhemden. Lieferzeit ca. 8Tage hinter solchen Einwanderern ja deren Regierungen stehen würden, und im Falle irgendwelcher Konflikte die Folgen für das kleine Portugal ernst sein konnten. So richtete sich das Augenmerk der portugiesischen Staatsmänner auf die russischen Juden, deren Lage sich täglich verschlechterte. Die Heranziehung eines energischen, befähigten, kommerziell und industriell begabten Volkes in das von Natur aus reiche, aber spärlich bevölkerte Angola wurde allgemein im Lande als sehr nützlich erachtet. Ja, es bestand die allgemeine Überzeugung, daß das lebendige jüdische Volk dem erstarrten Staatswesen Portugals überhaupt zu neuem Leben verhelfen würde. Ganz abgesehen davon, stellte die Heranziehung der Juden nach Portugal, von wo sie seinerzeit auf Betreiben der katholischen Geistlichkeit verbannt worden waren, eine verlockende Perspektive für die Politiker der jungen Republik, besonders aber für die Nachkommen der Marranen1 dar, die manches wichtige Staatsamt in Portugal bekleideten. Man erzählt sich in Portugal über die Marranen eine hübsche Anekdote: Ende des XVI. oder Anfang des Xyil. Jahrhunderts habe König Emanuel unter dem Einfluß des katholischen Klerus eine Verfügung des Inhalts erlassen, daß alle Nachkommen der Marranen rote Mützen tragen sollten. Da brachte der Premierminister dem König drei rote Mützen. Von diesem befragt, zu welchem Zweck er die Mützen gebracht habe, antwortete der Minister: „Eine für Euer Majestät, die zweite für den Herrn Kardinal und die dritte für mich selbst.“ So groß schien die Zahl der Marranen in Portugal! Die Nachkommen der Marranen und alle jungen Republikaner überhaupt waren nun von dem Wunsche beseelt, Portugals Sünden an dem jüdischen Volke wieder gutzumachen. Realpolitik und Romantik verbanden sich also in dem Wunsche, die Juden wieder nach Portugal zu ziehen. In allen Unterhandlungen, die ich mit den portugiesischen Politikern hatte, kam dieser Wunsch immer wieder zum Ausdruck. „Ich bin stolz darauf, daß in meinen Adern jüdisches Blut fließt,“ sagte mir der portugiesische Justizminister. „Meine Vorfahren waren Marranen, und heute rufen wir unsere jüdischen Brüder hierher — nach Hause zurück!“ Solche Gespräche und besonders die häufigen Unterhaltungen, die ich mit Bensaud pflegte, zwangen mich schließlich, die mir ursprünglich zugedachte Rolle eines bloßen Informators aufzugeben; von der Angola-Idee nun selbst begeistert, beschloß ich vielmehr, in Lissabon zu bleiben und dorthin sowohl Zangwill, den Präsidenten der ITO aus London, als auch zwei Delegierte aus Kiew kommen zu lassen, um in ernsthafte Verhandlungen mit der portugiesischen Regierung einzutreten. Einige Tage darauf kam denn auch, auf Grund einer ihm aus Kiew zugegangenen Aufforderung, der Präsident der schweizerischen Abteilung der ITO. Herr Rubinstein, nach Lissabon. Er teilte uns u. a. eine interessante Tatsache mit. Während seines Aufenthalts in Madrid hatte er in igrendeiner Angelegenheit den dortigen Gouverneur besucht. Dieser wußte bereits von dem Angebot der portugiesischen Regierung 1 Marranen sind bekanntlich Juden, die in Portugal bleiben durften, weil sie während der Judenverfolgungen zum Katholizismus übergetreten waren. Insgeheim hielten sie indessen dem jüdischen Glauben auch weiter die Treue.