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Das jüdische Echo · 1929-04-19 · 3 (19.4.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 9

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
3 (19.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-19
Page
Seite 9 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 9 er wußte: in den „heiligen Eichenwäldern“ hatten seine Vorfahren Altäre aufgestellt, und bei den Altären, um das ewige Feuer, erheiterten blauäugige, halbnackte Priesterinnen die Stammesältesten, nahmen Opfer für die weißhalsige Koleda entgegen und für die schamhafte Madzianna, die sich in jedem Frühling der Erde ergab, fruchtbar ward und Mutter wurde. Und der kluge Swiatowid stand vor dem Feuer und hielt die Hände über seinen feisten Bauch, verklärt vor Freude, daß seine Töchter, die schönen Priesterinnen, auf Kupferpfannen Weizenähren in Rauch aufgehen ließen, zwischen den duftenden Pfannen umherwirbelten und in Opferrauch eingehüllt auf weißen frischen Lammfellen lagen, sangen und zauberten. Die Krieger, in den Händen die Lanzen, in deren Spitzen das Wappen der Sippe eingeritzt war, in blauen Röcken, auf denen goldene und silberne Kreuze eingestickt waren — sie hörten nicht den Ruf der schweren Kirchenglocken und zogen scharenweise in die heiligen Eichenwälder zu den Altären, zu den schönen Priesterinnen. Gar mancher Adelsherr, ein guter Katholik, der eine Kirche gebaut hatte und etliche hundert Benediktiner unterhielt, der sein Leben lang gegen den Antichrist gekämpft hatte, erbaute heimlich im Wald eine Hütte, die hinter einem Erdwall und verzweigten Eichen lag, und in welcher eine Zauberin mit schönen Töchtern hauste. Der alte Schlachtschitz mit dem Adelswappen an der Wand, mit dem Juden, der seine Geschäfte führte, war selten geworden; das junge Geschlecht, das in Warschau, Rom und Paris aufwuchs, kannte das Dorf beinahe nicht. Der junge Schlachtschitz verbrachte seine Zeit mit einer Courtisane, zahlte Hunderte für einen bunten Jupon und warf Tausende für ein halbnacktes Füßchen hinaus. — Da seufzten die dichten Wälder Polens, sie wurden schütter und gingen in jüdische Hände über. Die Stämme wurden zu Flößen gebunden, und den ganzen Sommer lang sandten Juden auf der Weichsel Holz nach Deutschland. Neue Wälder zu pflanzen, lohnte dem Gutsherrn nicht; es dauert zu lange, bis ein Wald schlagreif wird. So wurden die Stümpfe ausgebrannt und das Land beackert; von den Wäldern blieb keine Spur. Am Ostermontag, nachmittags waren die Fischer in den Wald gezogen. Es war ein alter, gemischter Wald. Die Bäume wuchsen wie Zwillinge, einer neben dem andern. Da es ihnen zu eng war, reckten sie ihre grauen Wurzeln aus der Erde wie verkrampfte Glieder. Die vielästigen Eichen, die gewaltsam in dem dichten Wald aufsprießten, sich krümmten und die nächsten Bäume bis zur Dürre aussogen, hatten kleine weiße Blüten angesetzt; tief im Walde, wo die Sonne fast nie hinkam und noch Stücke Schnee wie alte ausgeblichene Lammfelle lagen, zog sich eine Reihe rötlich erblühter Nußbäumchen, vermischt mit schmalen Espen, und teilte ihn in Adelswald und Bauernwald. Talwärts im Bauernwald roch die hügelige dampfende Erde nach frischgebackenem Brot, nach eingeweichter Eichenrinde. Diese Espen mit ihren krummen, ineinander verfilzten Ästen, die wie Tatzen aussahen, tauchten wohlig ihre Wurzeln in den fetten sumpfigen Boden, und ihre sonst schwärzliche Rinde war von der Feuchtigkeit fast rot geworden. Bergaufwärts, im Adelswald, wo der Boden sandiger ist, hatten Kiefern den Schnee von sich abgeworfen, sogen durch ihre Wurzeln wie durch Adern Nahrung von der Mutter Erde und verjüngten sich. Satt und angeschwollen wie volleutrige Kühe, baten sie geradezu die erhitzten Waldheger und die müden Wanderer, die Lippen anzulegen und zu trinken. Mordechai und der Vater standen im Walde, zählten die gefällten Stämme und bezeichneten sie mit roten KreidestriGhen. Der alte Abraham lief in ein paar hohen Stiefeln und einem kurzen Winterrock brummig von einem Baume zum zweiten, schnupfte fortwährend aus seiner silbernen Tabaksdose, rümpfte die dünne Nase, schnellte die Tabaksreste von den Fingerspitzen, und seine Worte kamen stoßweise, wie Dampf aus einem Kessel, aus seinem Munde: „Auch Bäume! Na ja, wenn man sich auf niemanden verlassen kann! Du warst doch beim Fällen dabei? Wo hattest du deinen Kopf? Aber du bist immer zerstreut. Zum Lernen, mein lieber Sohn, hast du soviel Lust wie dein Vater! Gut, ich habe nichts dagegen! Was denn? Wie ich in deinen Jahren war, da war ich schon ein fertiger Kaufmann! Bin mit den ältesten Leuten als Sachverständiger mitgefahren! Und du? Nichts!“ Er zuckte die Achseln. „Späne haben sie gefällt, die Hundskerle, keine Bäume!“ „Wenn das Späne sind“, — Mordechai, kräftig und sonnenverbrannt, wies lächelnd mit der Hand auf die gefällten Bäume —

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