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Das jüdische Echo · 1929-04-19 · 3 (19.4.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 8

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
3 (19.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-19
Page
Seite 8 (sequence 2)
Language
German
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8 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 3 dechai, daß Reb Itsche, der Kabbalist, sich bei ihnen im Walde aufhalte. Darin sah er Gottes Fügung; er war sicher, Reb Itsche werde für ihn Partei nehmen und die Eltern beruhigen; und er bereitete sich zur Pilgerfahrt. Die Reise nach Kozk erschien Mordechai als Spaziergang im Walde, wie zur Zeit, wenn er einige Tage dort herumgestreift war. Bis zur letzten Minute dachte er nicht daran, woher er Geld zur Reise nehmen werde, machte auch keine Pläne, sondern war sicher, wenn er das Geld zur Reise brauche, werde es da sein. Eines Sabbats, am Nachmittag, als der Rabbi im Beth-Hamidrasch war, nahm Mordechai aus des Großvaters Wochentagsweste einen Schlüssel, öffnete die Messingtruhe und entnahm ihr fünfhundert Gulden. Als er am späten Abend heimkam und sein Bündel für die Reise schnüren wollte, trat der Schammes ein: „Dein Großvater ruft dich!“ Im Gerichtszimmer saß der Rabbi mit Mordechais künftigem Schwiegervater Reb Fischl. „Mordechai, hast du aus dem Koffer fünfhundert Gulden genommen?“ fragte der Rabbi. Mordechai wurde rot, dachte eine Weile nach und antwortete: „Ich — ich — ich habe sie genommen.“ „Am Sabbat?“ kreischte der Großvater auf, sprang empor und versetzte Mordechai eine Ohrfeige. „Den Sabbat entweiht, du Verräter Israels!“ Rabbi Mojsche zitterte, ballte die Fäuste und wurde blaß, als hielte er glühende Eisenstangen in den Fländen; dann wendete er sich zu Reb Fischl: „Fischl, laß von dieser Heirat! Mein Enkel ist ein Dieb! Hörst du?“ „Ich höre, Rabbi ...“ Am nächsten Morgen war Mordechai wieder im Walde. Dwojrele weinte vor Freude und küßte den Sohn. Mordechai blickte auf den Vater und wartete, daß er ihm den Wiükommgruß biete. Abraham stand beiseite, die Hände in den Hosentaschen, wie ein Baumstamm; er lächelte. „Warum so plötzlich, mein Augapfel?“ „Ich konnte es nicht mehr beim Großvater aushalten!“ „Eine Neuigkeit! Und der Schwiegervater hat dich weggelassen?“ „Ich bin nicht mehr verlobt!“ Abraham nahm eine große Prise, nieste dreimal, daß alle Scheiben zitterten, fuhr mit den Händen durch den langen Bart und sah zu Dwojrele hinüber, die dastand und die Hände rang, als hätte sie das schwerste Unglück getroffen. Innerlich freute sich Abraham, daß Mordechai vom Großvater fort war; die Heirat war auch nicht allzusehr nach seinem Sinne gewesen. Aber die Geschichte mit den fünfhundert Gulden war ihm ganz und gar nicht recht. „Du hast also den Großvater bestohlen? Ha, ha, ha! Man erlebt Freude! Dazu hast du bis in dein sechzehntes Lebensjahr lernen müssen, du Taugenichts!“ Einige Tage war Abraham böse und gab Mordechai keinen Willkommgruß. Dann begann Dwojrele zu jammern, daß Abraham sie unglücklich mache: „Gott sei’s geklagt, wieviel Kinder habe ich denn? Einen Sohn, einen einzigen.“ Da gab Abraham dem Sohn den Willkommgruß und beschloß, Mordechai in die Arbeit im Walde einzuführen. Als Mordechai nach Hause kam, merkte er, daß der Vater älter und stärker geworden war; selten fuhr er aus dem Walde heraus. Obwohl der Alte jetzt von Tag zu Tag frommer wurde, so kam es doch auch vor, daß er einmal strauchelte. Auf seinem Hofe, wo eine kleine Quelle entsprang, ließ er einen Brunnen bauen; und an jedem Nachmittag, wenn die Fischermädchen Wasser schöpften, saß er auf der Veranda, plauderte mit ihnen und hatte großes Vergnügen daran, daß die Mädchen dem „Pan Schreiber“ die Hände küßten. Polnische Wälder Polens Wälder begannen schütter zu werden. Der alte Gutsherr, der Schlachtschitz mit dem langen Schnurrbart, mit dem pergamentenen Adelswappen an der Wand, der zweiläufigen Büchse über dem Bett, der wahre Vater des Dorfes, wurde immer seltener. Der alte Schlachtschitz hatte seinen Wald gehütet wie seinen Adelsbrief aus Pergament, wie seine schweren messingbeschlagenen Truhen, in denen altfränkische silberne Krüge und alte polnische Münzen lagen. Und hatte sich bei einem eine Silbermünze mit hebräischer Inschrift aus den Zeiten des alten Mieszko vererbt, aus den Zeiten, da die Juden, vielleicht die ersten wirklichen Herren der Weichsel, Münze schlugen, da klang der Name dieses Schlachtschitzen weit und breit in der ganzen Umgebung. Selten schlug ein alter Schlachtschitz eine Eiche und nie verkaufte er einen Eichenwald;

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