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Das jüdische Echo · 1929-04-19 · 3 (19.4.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 10

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
3 (19.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-19
Page
Seite 10 (sequence 4)
Language
German
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10 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 5 „dann sei das nächste Mal so gut, Vater, bemüh’ dich allein hinaus und sage den Bauern, sie mögen Bäume fällen und nicht Späne? „Was, das sollen Bäume sein?“'— fuhr der Alte los, faßte den Sohn beim Ärmel und wies auf einen der gefällten Bäume. — „Für wie alt hältst du zum Beispiel dieses Bäumchen da? Was, die Ringe zählst du gar? Geh weg, Esel!“ „Natürlich zähle ich! Ich bin ja kein Prophet!“ — antwortete Mordechai. „Wie ich so alt war wie du, habe ich nach dem Augenmaß erraten, wie alt ein Baum ist!“ — brummte der Alte wütend, stieß den Sohn beiseite und bückte sich tief nieder, daß der rote Nacken sich fast bis zum Platzen straffte. — „Da schau her, wie man mißt: fünf Zoll, zehn-nun? Ein Bäumchen von einigen vierzig Jahren; soll man das Gesindel nicht hängen?“ „Ich habe hier keinen älteren Baum gesehen“, verteidigte sich Mordechai. „Dann schlägt man nicht!“ schrie der Alte. „Der Lump ruiniert den ganzen Wald. Das Herz könnte einem brechen! Wenn man bei seinem Vater irrtümlich einen hundertjährigen Baum gefällt hat, so mußte man ihn verstecken — er war zu jung! Und jetzt ■-ihn kümmert das nicht! Er hat ja schwer gearbeitet der Lump, für diesen Besitz! Jetzt sitzt er dort, der Saufbold, in Paris, unterschreibt Wechsel, bringt ein Vermögen für Unsinn durch, und alle Arbeit des Alten geht in Nichts auf!“ Mordechai wußte, daß er nicht antworten sollte; der Vater würde sich ausschreien, vergessen und aufhören. Aber es lag ihm im Blut wie bei der ganzen Familie, nicht zu schweigen. Das war angeborene Streitsucht. Und obwohl Mordechai beschlossen hatte, nicht zu antworten, sprach es, ohne daß er es wollte, aus ihm heraus: „Warum regst du dich so auf? Er will schlagen - mag er! Es ist doch nicht deinWald.“ „Ich will aber nicht!“ — fuhr der Alte los und schnaufte durch die Nase. „Das genügt nicht!“ — Mordechai lächelte. — „Du bist nicht der Besitzer, Vater!“ „Solange ich lebe, bin ich der Herr!“ — schrie Abraham den Sohn an und es sah aus, als wolle er sich auf ihn stürzen. — „Ich habe es schwarz auf weiß vom Alten, daß mir keiner kündigen kann, solange ich lebe! Verstehst du, Trottel?“ „Großartig!“ — Mordechai wurde hitzig — „Wer spricht vom Kündigen, ich meine, Wälder seien dazu da, daß man sie schlägt!“ Der Heger, ein Bauer in den Fünfzigern, in einem blauen Tuchrock mit zwei Reihen hölzernen Knöpfen, stand plötzlich da wie aus dem Boden gewachsen. „Da ist Marcin.“ — Abraham hustete und winkte dem Heger mit dem Finger, er möge nähertreten. — „Wie meinst du, Marcin, darf man die Wälder schlagen?“ Der Heger lächelte, erfreut, daß der „Pan Schreiber“ ihn mit einer Frage beehrte, und kratzte sich den Kopf: „Tja, einen Wald schlagen — man hat immer geschlagen! Ist der Wald dicht, so wächst er besser, je mehr man schlägt! Mit dem Menschen ist es genau so — wenn er zu kräftig und zu hitzig ist, muß man ihm zur Ader lassen, nicht wahr? Ha, ha, ha, das ist gesund! Aber den Wald kahl schlagen, das, Panowie, ist Sünde. Schlägt man einen Wald kahl, so zerstreuen sich die bösen Geister und bringen den Menschen allerhand Unglück.“ „Ist das wahr?“ fragte Mordechai verwundert den Heger. „Warum soll es nicht wahr sein, junger Herr?“ antwortete Marcin lächelnd. „Wohin, meint der Herr, sind die Bären gekommen? In ein paar Jahren wird es auch keine Hirsche mehr geben! Schlägt man einen Wald kahl, so zerstreut sich das Wild und stirbt aus; und in jedem Tiere sitzt ein böser Geist.“’ Abraham hatte nicht gehört, was der Heger gesagt hatte. Er saß auf einem gefällten Stamm, kaute an seinem langen Bart und dachte daran, daß er Kartoffeln in die Stadt senden mußte. Der Rabbiner hatte ihm geschrieben, die Juden stürben Hungers. Das sind Zeiten! Abraham muß erst erinnert werden! Sie glauben wohl, die Narren, daß er’s für sich behält, daß er Schamai Schaft ist. Wer weiß denn so gut wie der Rabbiner, daß der Vater, Reb Mordechai, Gott habe ihn selig, mehr als sechs Monate lang die halbe Judengemeinde in der Stadt mit Kartoffeln und Brot versorgt hat! Und jetzt-- — es ist ja der reinste Fluch! Drei Jahre hintereinander ist schon alles auf den Feldern verbrannt. Die Bauern essen Kleie, gekochte Wurzeln, und davon schwellen sie auf und ganze Dörfer sterben aus. So einer Hungersnot kann sich keiner erinnern! Es ist gar nicht, gar nicht gut! „Hör’ zu,“ wandte sich Abraham an den Sohn — „morgen ganz zeitig geh’ in die Windmühle und befiehl Mikolai, er möge die paar Metzen Korn mahlen, er weiß welche; wirst du nicht vergessen?“ (Fortsetzung folgt)

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