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Das jüdische Echo · 1929-04-19 · 3 (19.4.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
3 (19.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD|UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 2. Fortsetzung Aber Mordechai fühlte sich nicht wohl. In des Großvaters Art konnte er sich nicht einleben und es zog ihn in den Wald. Überdies merkte er, daß ihn die jungen Burschen im Beth-Hamidrasch für dumm hielten, ihn mieden und in seiner Gegenwart die Gespräche über die gepfefferten Stellen in den „Vorschriften für die Frauen“ der Gemarah abbrachen, die fast jeder junge Beth-Hamidrasch-Besucher auswendig kann. Mordechai suchte nun heimlich diese Stellen auf und verschlang sie fast; er wunderte sich, daß sie ihm bisher nicht aufgefallen waren, obwohl er sie schon mehrere Male durchgenommen hatte. Ihm fiel auf, daß alle diese Seiten mehr abgenutzt seien als die anderen; in vielen Gemarahbänden waren beinahe die Buchstaben nicht mehr zu erkennen, so zerlesen waren sie. Jedesmal, wenn Mordechai in den Gemarahbänden blätterte, fuhr er mittendrin auf, schaute sich um und wurde rot. Er war überzeugt, daß alle seine Kameraden ihm dabei zusahen und seine Gedanken errieten. Dann blätterte er um und lernte immer lauter, um seine Gedanken zu überschreien. Je lauter aber der Singsang seines Lernens wurde und je stärker er sich dazu wiegte, desto deutlicher erschien ihm seine Braut, die er niemals gesehen und gesprochen hatte; wenn er an sie dachte, sah sie stets so aus wie Rachel, des Pächters Tochter. Wenn der Großvater im Beth-Hamidrasch war, stahl sich Mordechai ins Gerichtszimmer und blätterte rasch einen Gemarahband nach dem anderen durch, in steter Angst, der Großvater könnte kommen. Er schämte sich vor sich selber. In den Bänden des Großvaters waren die gleichen Stellen mehr abgenutzt als alle anderen. Oft, wenn Mordechai mit dem Großvater bei Tisch saß und sein schütteres Bärtchen, sein abgezehrtes Gesicht, seine Katzenaugen betrachtete, da fiel ihm manchmal ein, daß sich der Großvater (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin( wohl auch im Gerichtszimmer einschließe, die Gemarahbände durchblättere und genau so zittere wie er. Dann schämte er sich, dem Großvater in die Augen zu sehen, und schmähte sich selbst; er konnte nicht glauben, sein Großvater, der brave, fromme Jude, um den ein Geruch von altem Pergament und alten Büchern lag, könnte so etwas tun. Nein! Welch ein unsinniger Einfall! So ging Mordechai wie im Traum umher und fühlte, wie böse Gedanken ihn umringten und Gewalt über ihn bekamen; und obwohl er wußte, daß böse Gedanken schlimmer sind als böse Taten, so konnte er sich doch nicht helfen und sündigte immer wieder. Da trat ein kleines Ereignis ein, das Mordechais Leben völlig veränderte. Rabbi Mojsche begann zu kränkeln und konnte nicht mehr mit Mordechai lernen. Daher übergab er ihn einem jungen Chassid. Der lernte mit Mordechai wenig, sondern ging stundenlang im Beth-Hamidrasch umher und dachte nach. Wenn er vom Umhergehen und Nachdenken müde wurde, dann setzte er sich neben Mordechai nieder, faßte ihn bei den Händen, als fürchtete er, Mordechai könnte ihm weglaufen, und sprach leise und geheimnisvoll unaufhörlich auf ihn ein, um ihn in das Wesen des Chassidismus einzuweihen. Mordechai, der von Natur aus gläubig war, bedurfte keiner Wunder, um zu glauben, und war bald dem jungen Manne mit Leib und Seele ergeben. Er hörte auf zu lernen, verbrachte ganze Tage mit jungen Chassidim und hörte viele Geschichten über Rabbi Mendele aus Kozk. Diese Geschichten prägten sich ihm so tief ein, daß es ihm keine Ruhe ließ; es zog ihn zum Rabbi und er nahm sich vor, ohne Wissen der Eltern nach Kozk zu gehen. Mordechais Gedanken waren jetzt noch schlechter als früher. Aber er fühlte sich nicht sündig, denn nun glaubte er, er habe einen Halt — denn Rabbi Mendele ist ja der Gerechte seiner Zeit. Gerade damals hörte Mor-

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