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Das jüdische Echo · 1929-04-12 · 2 (12.4.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 5

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
2 (12.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-12
Page
Seite 5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 Komanbeilage des „Jüdischen Echos' 5 erzählte chassidische Geschichten. In Geschichten war er unerschöpflich. Mit der gleichen Begeisterung, mit der er über den Rabbi sprach, sprach er von Napoleon dem Dritten. Er war überzeugt, Napoleon sei ein großer Zauberer und habe Maschinen erfunden, die den Feind zum Niesen bringen; so gewinne er seine Schlachten. Schlojme war ein heiterer, gutmütiger Chassid. Fast nie war er ärgerlich, geriet selten über einen Menschen in Zorn. Es gab da nur zwei Ausnahmen, seine Frau und den Gaon von Wilna. Dem Gaon von Wilna konnte er absolut seine Kämpfe gegen den Baalschem nicht verzeihen. Gegen seine Frau, mit der er schon einige Jahre nicht zusammenwohnte, hegte er einen stillen Haß und vermied es, von ihr zu sprechen. Vor Feiertagen, wenn in Abrahams Hause alles eifrig am Werke war, ging Schlojme brummig und verbittert umher und fand keine Ruhe. Er schnupfte keinen Tabak mehr, trank starken Schnaps, fluchte ohne Anlaß darauflos und suchte jemanden, vor dem er sein Herz ausschütten könnte. Dieser Zustand hielt nie lange an. Bei der erstbesten Gelegenheit schloß er sich mit Mordechai in ein abgelegenes Zimmer ein, angeblich, um ihn über Feiertagsbräuche zu unterweisen, und weinte sich vor seinem Schüler gründlich aus.Mordechai weinte mit und schämte sich, dem Rabbi in die Augen zu sehen. Schlojme, der vergaß, daß er einen Knaben vor sich hatte, erzählte ihm wie einem Freunde jede Einzelheit seines Unglücks, sagte alles mögliche Böse über seine Frau und sprach von ihr nicht anders als „sie war mein Unglück; wäre nicht das verdammte Weib, ich müßte nicht in meinen alten Tagen an fremden Tischen herumsitzen und Lehrer sein“. Mordechai verstand kein Wort davon; er sah des Rebben Weib vor sich, groß und dürr, ein Horn auf der Stirn wie die Königin Waschti. Wenn Schlojme sein Unglück ausgeweint hatte, dann war er, als wäre nichts geschehen, wieder der gutmütige Chassid, trank weniger und schnupfte mehr seinen galizischen Tabak, sang stets und war immer heiter, als hätte er nie im Leben Unglück gehabt; das hielt so bis zum nächsten Feiertage vor. Mordechai dagegen ging jedesmal, wenn der Lehrer sich vor ihm ausgeweint hatte, halb besinnungslos umher. Er war überzeugt, Schlojme sei der unglücklichste Mensch auf der Welt; denn er hatte ja niemanden. Mordechai machte sich dann Vorwürfe, daß er Schlojme so oft nicht gehorcht und über ihn gelacht hatte, und schwor sich zu, von jetzt ab dem Lehrer zu folgen und ihn so lieb zu haben wie den Vater. Im Alter von zwölf Jahren konnte Mordechai schon selbst das eine oder das andere Stück aus der Gemarah lernen. Aber er war versonnen, und mitten im Lernen stellte er manchmal Schlojme die Frage, warum eine Glatze sich nicht auf dem Barte, sondern auf dem Kopfe bilde, oder er zog aus der Tasche einen kleinen grünen Frosch hervor und ließ ihn über die Gemarah hüpfen. Schlojme lächelte stets über die Einfälle seines Schülers; nie rührte er ihn an. Einmal aber hielt Mordechais Mutter in Schlojmes Gegenwart dem Sohn eine Strafpredigt, daß es sich für einen Jungen, der schon die Gemarah lernt, nicht schicke, mit den kleinen Fischermädels zu spielen, nicht einmal mit Rachel, dem Töchterchen des Pächters. Mordechai schwieg, sah der Mutter fest in die Augen und wurde rot. Schlojme ging aufgeregt im Zimmer hin und her, spuckte fortwährend, als wäre ihm eine Mücke in den Mund geraten; und als die Mutter gegangen war, nahm er Mordechai schweigend bei der Hand, setzte ihn zum Tisch, stellte sich hinter ihm auf, stützte die haarigen Hände auf den Tisch, wiegte sich hin und her und schrie: „Du Verräter Israels! Christenmädels gar, ha? Du Nichtsnutz, du!“ Zum ersten Male, seit Schlojme Mordechais Lehrer war, kniff er ihn so, daß der Junge vor Schmerz aufsprang. Mordechai war ganz wirr im Kopf; er verstand nicht, was der Lehrer sagte, und wußte nicht, was man von ihm wollte. Er fühlte nur, wie ihm Schlojmes Bart über den Nacken und die Wangen kroch und hatte das Gefühl der Kälte, als spürte er glatte Schlangenleiber. Er riß sich los, verschwand und hielt sich einige Tage bei den Fischern versteckt. So wuchs Mordechai heran, ein großes Kind, sah jedermann fest in die Augen, liebte die Fischer, liebte den Lehrer und hatte vor nichts Furcht. Er glaubte Schlojme, daß Aristoteles dem Maimonides den Namen einer kleinen Ader im menschlichen Körper überliefert habe; wenn man die ausschneidet, kann man einen Toten lebendig machen. Aber er glaubte auch Wacek, daß mitten im Walde eine Weide stehe, die niemals das Rauschen des Wassers und das Krähen eines Hahnes gehört hatte; schneidet man aus dieser Weide eine Pfeife, so kann man mit ihrem Pfiff Tote aus den Gräbern wecken. Dwojrele klagte fortwährend, daß Morde-

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