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Das jüdische Echo · 1929-04-12 · 2 (12.4.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
2 (12.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-12
Page
Seite 6 (sequence 4)
Language
German
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6 RomanbeHäge des „Jüdischen Echos“ Nr. 6 chai wie ein Wilder aufwuchs; er sei groß wie ein achtzehnjähriger Junge und könne mit niemandem zwei rechte Worte sprechen. Sie wollte durchaus, Abraham möge ihn zu ihrem Vater bringen, damit er etwas Lebensart lerne. Abraham liebte den Schwiegervater nicht und verschob die Reise von Monat zu Monat. Indessen war ein reicher Getreidehändler bei Abraham erschienen; sie verlobten ihre Kinder und so wurde Mordechai Bräutigam. Der künftige Schwiegervater forderte, Mordechai solle bis zur Hochzeit bei seinem Großvater, dem Rabbiner, lernen. Als Mordechai vierzehn Jahre alt war, führte ihn Abraham zum Schwiegervater, der damals schon ein hoher Sechziger war. Rabbi Mojsche war ein kleiner, hagerer Mann mit einem schütteren Bärtchen, das nicht grau werden wollte, und mit kleinen, wässerigen Augen. Wenn er mit jemandem sprach, so hatte er die Gewohnheit, dem Partner nicht in die Augen zu sehen, sondern seine Nägel zu betrachten, wie bei der Hawdalah. Rabbi Mojsche pilgerte wohl nach Kozk, insgeheim aber war er ein Gegner des Chassidismus und haßte die Chassidim schon seit Jahren. Als er nämlich, noch als Jüngling, zum ersten Male nach Kozk kam und ein Schreiben des Rabbi Leibusch Charif an den alten Kozker Rabbi mitbrachte, in dem stand, Mojsche gebühre beim Aufruf zur Thora der Titel „Morenu“ — da zerrissen die Chassidim, am Sabbat, das Schreiben in kleine Stücke, denn sie wollten in ihrer Mitte keine Bevorzugten haben. Rabbi Mojsche lernte stets; einen Unwissenden haßte er. Und vor allem war er fromm bis zum Wahnsinn. Für die kleinste Verfehlung strafte er die vornehmsten Bürger der Stadt hart und schwer; so fürchteten ihn alle und zitterten vor ihm wie vor dem Kaiser. An jedem Freitag ging er mit dem Schammes von Laden zu Laden und prüfte die Waagen und Gewichte. Bei mehr als einem Krämer nahm er die Gewichte fort und legte ihm eine Geldstrafe auf. Vor dem Lichterzünden öffnete er stets im Gerichtszimmer eine messingbeschlagene Truhe und zählte die dort verschlossenen Mitgiftgelder, die arme Brautleute bei ihm hinterlegt hatten; dann ging er mit stiller Freude in „Schul“. In der ersten Zeit ging Mordechai beim Großvater wie halbtoll umher. Er dachte an nichts anderes als heimzulaufen. Der Großvater wandte kein Auge von ihm, hielt ihm fortwährend Moralpredigten und schimpfte mit ihm bei jeder Gelegenheit tüchtig: aus ihm werde genau dasselbe werden wie aus seinem Vater. Und als der Rabbi einmal Mordechai dabei betraf, daß er ohne Käppchen schlief, da drohte er ihm, ihn zur Nacht mit einem Fuß ans Bett anzubinden. Der Großvater achtete darauf, daß Mordechai von früh bis spät in die Nacht lernte. Schon um sechs Uhr morgens weckte er ihn zur ersten Lektion. Bei Tag schickte er ihn ins Beth-Hamidrasch und am Abend lernte er wieder mit ihm. Mordechai bekam vom Großvater kein gutes Wort zu hören; mochte er auch seine Lektion noch so gut können, der Alte fand immer etwas auszusetzen und war nie zufrieden, so daß das Lernen mit dem Großvater für Mordechai eine Qual war. Einmal kam es vor, daß Mordechai seine Lektion nicht konnte, da geriet der Großvater in hellen Zorn, warf sein farbiges Schnupftuch auf die Gemarah, öffnete seine silberne Tabakdose, roch aber nur von weitem daran und schrie: „Brauchst ja gar nichts zu können, Narr! Mußt du denn ein Gelehrter sein? Wirst ja ohnedies mit deinem Vater in Kozk obenan sitzen!“ Mordechai stieg das Blut ins Gesicht. Er sah, wie des Großvaters dünne Nase zitterte und die schmalen Lippen sich genau so zusammenpreßten wie bei seiner Mutter; am meisten aber verdroß es ihn, daß der Großvater immer den Vater ins Spiel brachte, und er konnte nicht mehr schweigen: „Der Großvater mußte ja nicht den Vater zum Schwiegersohn nehmen!“ „Benimm dich„ anständig, Frechling!“ schrie der Rabbi und sprang auf. Er rannte einige Male durch das Zimmer, schnaufte, wischte sich die Nase, machte Gesten, als stritte er mit sich selber, und als dann sein Zorn verraucht war, legte er die Hand auf den Kopf des Enkels .und sagte milde: „Es ist schwer, ein Lehrer zu sein, schwer! Der Lehrer soll nie in Zorn geraten!“ Dann ging er aus dem Zimmer. Im ersten Jahre machte Mordechai große Fortschritte, und im Städtchen sprach man davon, aus ihm würde ein ordentlicher Junge mit viel Wissen werden. (Fortsetzung folgt)

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