Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2 (12.4.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-04-12
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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4 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 2 ist er ein guter Kerl mit einem jüdischen Herzen und gibt das Geld leicht her. So taten sie, als hörten sie nichts. Mit der ersten Frau hatte Abraham keine Kinder gehabt. Wenn er gut aufgelegt war und bei einem Glase Branntwein mit chassidischen guten Freunden saß, so erzählte er selbst, er habe seine „Erste“ mehr als einmal betrogen und mehr als ein Ehepaar in den kleinen Städten;der Umgebung habe sich seinetwegen beinahe scheiden lassen. Nach dem Tode der ersten Frau tat Abraham Buße. Er brachte einen jungen Mann, einen Klausner aus Kozk, mit und begann zu lernen. Genau ein Jahr nach dem Tode der ersten Frau (Abraham war damals vierzig Jahre alt) hielt er Hochzeit mit einem armen Mädchen, der Tochter eines Rabbiners. Dwojrele war von gar feiner Abkunft, und der Vater hatte in einem Briefe über sie gesagt, sie sei in „Heiligkeit und Reinheit“ geboren. Als sie heiratete, war sie sehr jung, kaum sechzehn Jahre. Sie war ein zartes, schamhaftes Mädchen und ähnelte einer edlen Pflanze, die bei der kleinsten Berührung welken kann. In der ersten Zeit nach der Hochzeit lebte Abraham in ständiger Furcht. Er glaubte immer, sie müsse zerbrechen, wenn er sie umarmte, und hatte ihr gegenüber stets das Gefühl, das ein großer kräftiger Mensch hat, wenn er ein kleines Kind in den Arm nimmt; da fürchtet er stets, er könne ihm mit seinen Händen wehtun. Dwojrele war sehr fromm. Stets hielt sie ein Frauenerbauungsbuch in der Hand und las darin. Was der Mann gebot, dem gehorchte sie. Fortwährend schickte sie Gaben an die Rabbis, den Sabbatsegen sprach sie über neue Kerzen, und als Abraham sie einmal umarmte, da sie mitten im Beten war, da.wehrte sie ihm nicht und stand still und sanft da wie eine Taube, aber leise weinte sie und klagte, daß sie dafür von Gott gestraft werde und keine Kinder habe. Bald nach der Hochzeit begann sie zu kränkeln. Abraham hielt Dwojrele wie eine Prinzessin und hütete sie wie seinen Augapfel, und als es nötig wurde, fuhr er mit ihr nach Danzig zu den berühmtesten Ärzten. Wenn er eine Reise machte, brachte er ihr stets reiche Geschenke mit. Drei Jahre nach der Hochzeit gebar Dwojrele einen Sohn. Mordechai wuchs als versonnenes und scheues Kind auf. Tagelang trieb er sich mit Wacek, dem Jungen des Hegers, umher, der in einem Alter mit ihm stand. Als Kind sprach Mordechai wenig, und fragte man ihn etwas, so antwortete er nicht sofort, sondern dachte eine Weile nach, als begriffe er schwer, was man ihn fragte. Und dann sagte er immer eine irgendeine Dummheit,wurde rot und schaute mit seinen großen grauen Augen so innig und weich drein, daß ihn jedermann lieb haben mußte. Schon als Knabe war Mordechai anders als die übrigen Kinder — er konnte nicht Zusehen, wie die Fischerjungen Tiere quälten. Aber als er zum ersten Male sah, wie der Schächter in Vaters Hause Hühner schlachtete, da stand er dabei, als ginge es ihn nichts an. Dann träumte er länger als eine Woche fortwährend vom Schächter mit dem blutigen Messer im Munde und mit einem paar «weicher, erschrockener Augen (fast alle Schächter haben weiche, erschrokkene Augen). Das quälte Mordechai so, daß er einmal, halb von Sinnen, aus seinem Bette sprang, erst stehenblieb, lange gähnte und sich dann in den Hühnerstall schlich. Wäre nicht zufällig der Vater gerade heimgekommen, niemand hätte geglaubt, daß der Knabe mit den großen, verträumten Augen, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, mit einem Brotmesser ein Huhn geschlachtet hatte. An den Vorfall mit dem Huhn erinnerte sich Mordechai sein Leben lang und er vergaß auch die Ohrfeigen nicht, die er damals vom Vater bekommen hatte. Und immer, wenn er an diese Sache dachte, wunderte er sich, wie ihm so etwas hatte einfallen können. Als Mordechai zehn Jahr alt war, nahm Abraham einen Lehrer ins Haus, der ihn in der Gemarah unterrichten sollte. Der Lehrer war ein Fünfziger mit einer Glatze, nur vorn waren einige verwaiste Haare stehengeblieben und am Nacken kräuselten sich ein paar schüttere Locken wie bei einem Kinde. Auf dem Kopfe saß ihm ein fettiges Käppchen, als wäre es angewachsen; Winter und Sommer trug er einen abgeriebenen Ripsrock, an dem vom Rips nicht mehr viel zu sehen war. Nur das Unterfutter und zwei Reihen großer, runder Knöpfe waren geblieben. Das Gesicht, auf dem ein fettes Lächeln lag, war mit einem struppigen angegrauten Barte bewachsen, der beinahe bis in die Augen reichte. Ohne den Bart wäre es ein echtes Vollmondgesicht gewesen. In der Mitte des Bartes war eine gelbliche Grube, als wäre er dort von den tabakdurchzogenen Tropfen angefressen, die ewig aus des Lehrers Nase fielen. Schlojme, der Lehrer war faul wie ein Zigeuner. Er arbeitete wenig mit Mordechai. Tagelang lag er auf einem kleinen Sofa, eine Hand unter dem Kopfe, schnupfte Tabak und