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Das jüdische Echo · 1929-04-12 · 2 (12.4.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
2 (12.4.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-04-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD|UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 1. Fortsetzung So lebten die Fischer seit uralten Zeiten, fern von menschlicher Siedelung. Sie wuchsen wie die Eichen, mit flachshaarigen Köpfen, stahlblauen Augen, und wenn sie achtzig waren, hatten sie noch alle Zähne — grüngelbe Zähne, die aussahen wie mit Moos bewachsen. Selten gingen sie in die Kirche, noch seltener beichteten sie. Einen Tag vor Ostern machten sie eine Sammlung untereinander. Jeder gab mit vollen Händen, und ihre Gaben brachten sie dem Pfarrer, daß er das Gebäck mit Weihwasser besprenge. Am Ostermontag gingen alle mit Kind und Kegel in großem Staat in den Wald, luden den „Pan Schreiber“ z^u Gast und führten mit großem Pomp eine Strohpuppe mit riesigen Augen aus gefärbten Eiern zur Weichsel. Mordechais Sippe war fest überzeugt, daß die Weichsel ein Opfer verlange, und so steuerten sie Jahr um Jahr das Bier zu diesem Opferfest bei, und mit Gesang brachten die Kozker Chassidim zusammen mit den Fischern Wanda ihr Opfer dar, indem sie die Strohpuppe in die Weichsel versenkten. Mordechai und sein Vater Mordechais Vater Abraham war zum zweiten Male verheiratet. Er war ein Fünfziger, mittelgroß, breitschultrig, mit einem langen, angegrautenBart, der bis zum Gürtel reichte; er gehörte zu den Leuten, die ihr Geld nie in einem Beutel tragen, sondern es in die Hosentaschen stecken, um damit zu klimpern und leichter und mit voller Hand eine Gabe rei'chen zu können. Reb Abraham war ein reicher Mann; die Leute sagten, er könnte viel reicher sein, wenn er nicht so „närrisch“ wäre. Die adeligen Gutsherren, die in Abrahams Nachbarschaft wohnten, flehten ihn direkt an, er möge ihnen das Getreide und die Wolle abnehmen, doch Abraham kaufte nichts als hie und da (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin) ein Stück Wald. Und als er erfuhr, daß Schamai Schaft, ein Chassid aus der Stadt, ein Geizhals, der bei Abraham wochenlang aß und schlief und durch ihn in den Gutshöfen bekannt geworden war, daß dieser Schaft bei den Gutsherren die Ernte halb umsonst im voraus gekauft hatte, da gab er ihm ein paar Ohrfeigen, schrie, das sei Gotteslästerung, und verbot Schamai das Haus. Schamai nahm die Ohrfeigen hin, als wäre nichts geschehen. Obwohl er schon damals reicher war als Abraham und schwere Tausender besaß, kroch er dennoch vor ihm auf allen vieren und sah zu ihm mit ergebenen Augen empor wie ein geprügelter Hund. Abraham fuhr einige Male im Jahre nach Kozk. Wenn es sich traf, daß er unterwegs den Sabbat halten mußte, so führte er selbst den Sabbattisch und lud alle Chassidim ein, die es in der Stadt gab. Bei Tisch vermieden es die Kozker Chassidim in Abrahams Gegenwart, über die Thora zu sprechen. Denn sie wußten, daß Abraham, obwohl er sich reuig von seinen schlechten Wegen abgewandt hatte, noch immer eine leichte Zunge hatte, Späße liebte und sogar den eigenen Rabbi verspotten konnte. Einmal hatte er während der Mahlzeit einen etwas einfältigen Chassid leise, aber daß es alle hören konnten, gefragt, warum Rabbi Mendele so viel Muhmen und Schwägerinnen bei sich habe, genau so wie — Gott strafe mich — der Pfarrer bei uns im Dorfe. Diesen Vergleich wiederholte er einige Male und lachte dazu, daß es dröhnte wie aus einem hohlen Faß. Die Chassidim, welche einen anderen für solche Worte auf der Stelle erschlagen hätten, lächelten verlegen über Abrahams Spöttereien. Sie schämten sich voreinander, genau so, als hätte ein Bauer einen dummen Witz vor jüdischen Gelehrten gemacht; Gelehrte aber achten nicht darauf, denn sie wissen, daß es ein Bauer ist. So nahmen die Chassidim Abrahams Spöttereien auf. Sie wußten, er hat eine böse Zunge, aber von Natur aus

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