Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Das Jüdische Echo Nr. 15 Synagoge ist von portugiesischen Juden errichtet worden, aber nicht für sie selbst, sondern für die deutschen Juden. Die portugiesischen Juden wollten ihre alte und verhältnismäßig elegante Synagoge von Neuankömmlingen frei halten und insbesondere von dieser wachsenden Masse deutscher, englischer und holländischer Juden, die ,Aschkenasim‘ waren, und bei dieser Gelegenheit hat einer der portugiesischen Granden4 ein Geschenk von 10 000 Dollar zugunsten der deutschen Juden gemacht, damit diese ihre eigene Synagoge haben könnten. Die vorgeschobene Begründung lautete, daß ihre hebräische Aussprache nicht ganz mit der sephardischen oder spaniolischen übereinstimmte. So wurden die deutschen Juden in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts von den portugiesischen Juden behandelt. Die portugiesischen Juden hatten einfach Angst. Sie sahen die deutschen Juden in großer Zahl hereinströmen, ihre Sprache sagte ihnen nicht sonderlich zu, ebensowenig ihre fremde Mentalität; besondere Unruhe bereitete ihnen die Tatsache, daß fast alle aus Deutschland eingewanderten Juden Hausierer wurden. Und tatsächlich waren fast alle nach Amerika eingewanderten deutschen Juden in der ersten Hälfte des Jahrhunderts Hausierer. Die meisten von ihnen, die Seligmanns, die Lehmanns und die Wormsers haben ihre Laufbahn als Hausierer in den kleinen Dörfern begonnen, wo sie ihr Päckel auf dem Rükken trugen. Das war die anständigste und ehrlichste Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber die portugiesischen Juden, die schon eine soziale Stufe wie nie vorher erreicht haben, beunruhigten diese Erscheinungen. Sie sahen, wie diese Hausierer vor ihre Tür kamen — und es waren Juden. Sie, die sich in einer schwer errungenen Position bereits befanden, waren durch diese Invasion der deutschen Juden erschreckt. Trotzdem liebten es die deutschen Juden nicht, mit den Ostjuden in einen Topf geworfen zu werden, die die wahre Hochburg des jüdischen Lebens in Amerika bildeten und die trotz ihrer vielen Fehler einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung des jüdischen und amerikanischen Lebens lieferten. In den Jahren 1870—1880, in dem Augenblick, da die deutschen Juden glaubten, sich dem amerikanischen Lebensprozeß bereits völlig eingegliedert zu haben, ohne daß sie es merkten, wie wenig sie sich in Wirklichkeit dem von ihnen mit beinahe lächerlichem Eifer nachgeahmten Amerikanismus angepaßt hatten, standen sie vor der Tatsache der Einwanderung von Ostjuden, Polen, Russen, Galizianern, Rumänen. Sie bekamen Angst vor dieser neuen jüdischen Invasion, die ihre gesicherte soziale Stellung erschüttern konnte, ihre Stellung, die sie so schwer errungen hatten, und die sie nicht von dem Gefühl der Unsicherheit befreien konnte, wie sie es gern geglaubt hätten. Ein Grund für die Haltung gewisser jüdischer Unternehmer den jüdischen Angestellten gegenüber ist, daß diese ehrgeizig und unzufrieden und deshalb schwer zu behandeln sind. Ein anderer Gesichtspunkt ist viel ernster. Man hört nicht gern davon sprechen. Ich glaube den Grund zu kennen, weshalb die Juden ihre jüdischen Brüder nicht gern anstellen; Es ist derselbe Grund, weshalb christliche Häuser Juden nicht einstellen wollen. Warum? Nun, weil die Juden eigenartig und kompliziert sind. Ein Nichtjude tritt in ein Geschäft ein, anfangs verdient er 8 Dollar die Woche, nach Ablauf von drei Jahren kann er 12—15 Dollar verdienen; nach 12 Dienstjahren verdient er 25—30 Dollar, und für den Rest seines Lebens, d. h. also vom 30. oder 35. bis zum 70. oder 80. Lebensjahr, verdient er 40—50 Dollar wöchentlich. Er wohnt im Weichbild der Stadt New-Jersey, hat eine große Familie und läßt seine Kinder die Höhere Volksschule oder ein Gymnasium besuchen. Hier lebt er, rackert sich ab und stirbt, und nach seinem Tode erhält seine Witwe die Beileidsbezeugungen des Chefs des Hauses, in dem der Verstorbene 30 bis 50 Jahre seines Lebens angestellt war. Dies ist das Los Tausender, die nichts anderes wünschen als die ökonomische Sicherheit, die keinen Mut haben, die nichts riskieren wollen, die mit der bescheidensten Lebensweise zufrieden sind, ohne auch nur daran zu denken — und das ist der springende Punkt — sich nach und nach emporzuarbeiten, Erfolg und Reichtum zu erwerben, wie die Juden. Ich hörte manchen jüdischen Industriellen sagen: ,Ich kann und will Juden nicht anstellen.4 .— Warum? — ,Sie wollen zu unabhängig sein und sind nie zufrieden.4 So lautet die Antwort und die Mehrzahl der Juden ist so. Die Juden sind nicht beliebt, weil, sie in einem industriellen Unternehmen nicht nur ein Zahn im Rad bleiben wollen, weil sie ruhelos sind, weil sie unzufrieden und ehrgeizig sind, weil sie sich nicht damit zufrieden geben, 30—40 Jahre nur für das nackte Leben zu arbeiten, ohne Hoffnung auf ökonomischen Aufstieg. ■— Manchmal treiben wir diese Unzufriedenheit zu weit. Ich glaube, viele Juden würden glücklicher sein, wenn sie den Grenzen ihrer Fähigkeiten mehr Rechnung tragen würden, und wenn sie sich mit einer einfacheren Lebensweise begnügen könnten. Viele von uns irren in dieser Hinsicht sehr, denn wir erziehen uns zu einem Leben von Luxus und Verschwen- Der neue AUSTRO'DAIMLER 6 Cylinder,'12/70 PS Eine umwälzende Neukonstruktion Hirschbold K o m m. - G e s. Fernruf 51355 MÜNCHEN Sonnenstr 19