Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 15 12. Äpril 16. Jahrgang Jüdischer Antisemitismus Von Stephen W i s e (Nach einem französischen Bericht) Stephen Wise hielt unlängst eine Predigt, die viel Aufsehen erregte und die uns auch für deutsche Verhältnisse sehr richtig zu sein scheint. Wir veröffentlichen sie im Auszug. „Warum dieser Antisemitismus? Warum sind gewisse Juden, deren Zahl! in Neuyork gar nicht gering ist, in einem solchen Maße der Plattheit und Oberflächlichkeit anheimgefallen?“ Der erste Grund ist ihre Sucht, die Gojim nachzuahmen. Der tiefere Grund ist „die Unsicherheit, die die Juden empfinden“. „Dieses Gefühl der Unsicherheit verläßt uns nie. Es ist aufs engste verknüpft mit dem jüdischen Leben* sowohl der oberen als auch der unteren Schichten: es ist ein furchtbares Gefühl der Unsicherheit. Das ist der Grund!, weshalb gewisse Juden vom ,Park Avenue* anfangen zu zittern, wenn sie an dieses vertrackte, erbärmliche und tragikomische Gefühl der Unsicherheit auch nur denken. Vor diesem Gefühl haben sie großen Respekt. Sehen wir zu, wie sie dazu kamen und welches seine schmerzlichen Folgen sind'. Es gibt in Amerika drei verschiedene Gruppen von Juden: An erster Stelle stehen die Juden, die aus Spanien, Portugal, Holland und Frankreich kamen; sie sind in der Mitte des 17. Jahrhunderts über Südamerika und Mittelamerika nach NordL amerika eingewandert. In der Zeit der Unabhängigkeitskriege gab es mehrere Tausend Juden in Neuyork, Philadelphia und Newport. Einer von ihnen war während der Revolution Direktor der Universität von Columbia und Feldprediger der Armee. Zwischen 1835 und 1840 setzte die zweite jüdische Einwanderung nach Amerika ein, diesmal viel umfangreicher. Woher kamen nun diese Juden? Aus Mitteleuropa. Ein Häuflein kam aus Holland, England, Frankreich, aber die meisten kamen aus Deutschland und Österreich; die Mehrzahl stammte aus Süddeutschland, Bayern. Dies war also die zweite Einwanderung von Juden in Amerika, und ich will mich heute der Gerechtigkeit halber mit den deutschen Juden beschäftigen, die in den Jahren 1830, 1840 und 1850 nach den Vereinigten Staaten kamen, und die im weitesten Maße die Entwicklung des jüdischen Lebens in Amerika beeinflußt haben. Ihre Rolle darf nicht unterschätzt werden. Diese Juden litten unter der Behandlungsweise der portugiesischen Juden ebenso wie die aus Osteuropa eingewanderten Juden in den Jahren 1860 und 1880 unter der Behandlungsweise der deutschen Juden litten. Wenn im Jahre 1830, 1840 und sogar später ein portugiesischer Jude eine deutsche Jüdin heiratete, trauerte seine Familie um ihn wie um einen Toten und daß ,Schiwah* um ihn, denn der portugiesische Jude, dieser semitische Hidalgo, hielt es nicht für standesgemäß, einer einfachen »Deutschen* seine Hand zum Lebensbund zu geben und sein Leben mit ihr zu teilen. Die portugiesischen Juden nannten übrigens die deutschen Juden nur ,tedescos*. Diese Bezeichnung war damals ebenso minderwertig und verachtungswürdig wie heute noch der Name ,Pollack*. Waren nun diese portugiesischen Juden schlechte Juden? Wären sie schlechte Menschen? Waren die deutschen Juden schlechte Menschen? Sind die Osttjuden schlechte Menschen? Kann man noch ein Beispiel der Verachtung finden, wie die der deutschen Juden bezüglich der Ostjuden und die der portugiesischen bezüglich der deutschen Juden? Wenn Menschen sich innerlich unsicher fühlen, haben sie ständig Angst, andere könnten ihre Sicherheit* stören. Um ein Beispiel zu geben: ein Jude sagt sich folgendes: ,Ich bin der einzige Jude, der im Hotel Verplazza wohnt.* Tatsächlich ist dieser Jude gar nicht so glücklich darüber, daß er im Hotel Verplazza wohnt, aber er hat Angst, daß, wenn neun andere jüdische Familien sich in diesem Hotel einnisten würden, er hinausgeworfen werden könnte. So hörte ich bisweilen Juden mit einer betonten Gleichgültigkeit erklären: ,Mein Sohn ist der einzige jüdische Schüler, der die Schule von Saint Trinite besucht*, oder »meine Tochter ist die einzige jüdische Schülerin der Sankt-Annen- oder Sankt-Elisabethen-Schule.* Diese Juden sind nicht so borniert und verdorben, daß sie etwa stolz wären auf diese Situation. Aber sie haben ein Gefühl der Unsicherheit, das ihre Moral zerstört, das Gefühl jemandes, der nicht weiß, was ihm der Morgen bringen wird1. Augenblicklich ist der Ku-Klux-Klan niedergeschlagen, und Henri Ford hat seine Beschuldigungen einige Monate, bevor er sein neues Automodell ,A* herausbrachte, zurückgezogen. Aber der Jude weiß, daß bald1 auch jemand anders Beschuldigungen gegen die Juden erheben wird, daß sie dieser aber, der keine Automobile zu verkaufen hat, nicht zurückziehen wird. Dieser furchtbare Zustand ist die wirkliche Wunde des jüdischen Lebens. Die portugiesischen Juden verabscheuen in Wirklichkeit nicht die deutschen Juden, die deutschen Juden verabscheuen nicht die Ostjuden, die Ostjuden verabscheuen sich untereinander nicht, aber jede dieser Gruppen ist in ihrer Art und zu ihrer Zeit durch die Ankunft der anderen erschreckt worden. Man hatte Angst, daß diese Ankunft der anderen erschreckt worden. Man hatte Angst, daß diese Ankunft, dieses Hereinströmen großer Massen von Juden ihre Situation noch weniger sicher machen würde, ihre Situation, die ohnehin keineswegs sicher und angenehm war. Anläßlich der schlechten Aufnahme, die die portugiesischen Juden den deutschen Juden bereitet haben, gestatten Sie mir, eine Anekdote zu erzählen, die ich bereits vor zehn Jahren bei der Einweihung einer Neuyorker Synagoge, in der ich Rabbiner war* erzählt habe. Diese Neuyorker