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Das jüdische Echo · 1929-04-05 · 1/13 (5.4.1929) Der letzte Waldjude/ Chaim Lederers Rückkehr · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
1/13 (5.4.1929) Der letzte Waldjude/ Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-04-05
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH * Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr Präger, Pressedienst, Wien) Fortsetzung und Schluß. Lederer setzte sich. Dr. Salkind nahm ihm gegenüber Platz. Er faßte den Alten bei der Hand und begann, als spräche er mehr zu sich als zu seinem Gegenüber: „Jeder Mensch ist krank, Mister Lederer, und jeder Mensch ist gesund. Wenn man über die Vierzig ist, so bilden sich im Körper gewisse Gifte — das wissen Sie ebensogut wie ich. Doch davon will ich jetzt nicht sprechen — wie geht es Ihnen? Wie bekommt Ihnen die Ruhe? Ich fürchte, ich fürchte — der Müßiggang bekommt Ihnen nicht gut. Sie haben noch zuviel Energie in sich, Mister Lederer. Und Energie verlangt Aktion, das habe ich schon Ihrem Herrn Sohn gesagt. Vielleicht war Ihr Entschluß, sich vom Unternehmen zurückzuziehen, zu früh. Reisen, längere Zeit reisen — das würde Ihnen gut tun. Es würde Ihre Imagination, Ihre Energie, ihren Intellekt, der solange an Tätigkeit gewöhnt war, beschäftigen. Denn sehen Sie — die Maschine Mensch ist genau so konstruiert wie jede andere Maschine. Sie muß wie jede andere Maschine in ständiger Bewegung sein, sonst rostet sie. Habe ich nicht recht, Kollege Fleischmann? Wir waren zusammen zum Konsilium bei einem Partus — ein sehr schwieriger Fall. Da habe ich den Kollegen in meinem Auto mitgenommen und er ist mit zu Ihnen heraufgekommen — Sie haben doch nichts dagegen, Mister Lederer?“ Doktor Fleischmann, den Doktor Salkind auf diese Weise vorstellte, sprach die ganze Zeit kein Wort, sondern betrachtete Mister Lederer unaufhörlich. Ernst und aufmerksam beobachtete er mit seinen tiefen schwarzen Augen, die durch schwarze Brillengläser blickten, jede Bewegung, jedes Wort und jede Geste des alten Lederer. „So, so! Sie sind also nicht gekommen, um mich zu untersuchen, ob ich bei vollem Verstand bin oder nicht?“ — wandte sich Lederer an den schweigsamen Doktor mit den schwarzen Augen. Der schweigsame Doktor antwortete nicht. An seiner Stelle war Dr. Salkind gekränkt: „Mister Lederer, was fällt Ihnen ein? Sie beleidigen uns!... Sagen Sie, bitte, .sehen Sie nicht manchmal Ringe vor den Augen? — Schämen Sie sich nicht, es zu sagen, das kommt häufig vor, es hängt mit den Nieren zusammen...“ * * * Im kleinen Speisezimmer, wo die ganze Familie — Lederers Frau mit vom Weinen geröteten Augen, die beiden Söhne und die Tochter — versammelt war, erstattete Dr. Salkind Bericht über die Symptome, die er durch seine und seines Kollegen Beobachtungen an dem alten Lederer festgestellt hatte: „Direkt krank ist er noch nicht. Doch die ersten Symptome sind zu konstatieren. Die Krankheit ist im Vorstadium. Erst beginnt die Einbildungskraft ihre Tätigkeit und später entwickelt sich der Verfolgungswahn. Das ist die Folge der lange andauernden Überanstrengung. Wir haben häufig solche Fälle in unserer Praxis. Die Nerven, das Hirn, der Verstand — alle geistigen Kräfte sind gewöhnt, tagaus, tagein zu arbeiten und plötzlich haben sie kein Betätigungsfeld. Da behelfen sie sich mit Surrogaten: mit Phantasien und Wahnideen.“ „Aber daß er in den Shop zurückgehen will! Daß er von neuer Arbeit im Shop spricht!? — fragte Frau Lederer. „Das meine ich eben!“ — fuhr Dr. Salkind in seiner Erklärung fort. „In Amerika entwickelt sich eine neue Krankheit. Man 'kann sie als ,Shopkrankheit‘ bezeichnen. Sie besteht darin, daß Personen, die ihr ganzes Leben im Shop verbracht haben — ob als Arbeiter, als Unternehmer oder in beiden Funktionen, ist einerlei, es ist auch gleichgültig, in welcher Branche — den Shop, welcher Art er auch sei, nicht loswerden können. Auch dann nicht, wenn sie schon genügend Geld erworben haben, um außerhalb des Shop leben zu können. Aber auch bei armen Arbeitern, die von den Zuwendungen ihrer Kinder sorgenlos leben können, tritt derselbe Fall ein. Es hilft einfach nichts — diese Leute sehnen sich in den Shop zurück. Der Shop zieht sie an wie ein Magnet. Er läßt ihnen keine Ruhe. Sie sind eben zu lange im Shop gewesen, um ihn für den Rest ihrer Tage entbehren zu können..

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