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Das jüdische Echo · 1929-04-05 · 1/13 (5.4.1929) Der letzte Waldjude/ Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
1/13 (5.4.1929) Der letzte Waldjude/ Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-04-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 1 Allmählich begannen die Waldjuden ihre Söhne in andere Gouvernements zu schicken und für die Töchter brachten sie gelehrte chassidische Schwiegersöhne mit, die sich bald nach der Hochzeit in den nahen Städten ansiedelten und nicht im Walde wohnen wollten. So verbreiteten sich die Waldjuden über Polen und Wolhynien; im Walde hörten sie auf, sich zu vermehren, und mit jedem Jahre wurde bei der Abrechnung zur Chanukkahzeit die Sippe kleiner. Zwei Generationen später verblieb in den Wäldern von Lipowiec nur Mordechais Vater. Durch eine lange Reihe von Generationen hatte Mordechais Sippe in den Wäldern von Lipowiec gewohnt, und obwohl sie nur „Schreiber“ waren, so hatten sie doch die Herrschaft über die Wälder und hielten sich für deren wirkliche Besitzer. Wo eine neue Judengemeinschaft entstand, dorthin schickten Mordechais Ahnen Bauholz. Einen großen Teil von Polen versorgten sie mit Bet- und Lehrhäusern, wo die Juden dem Dienste oblagen. Wo eine Talmud-Thora, ein Beth- Hamidrasch um Holz für den Winter bat, dorthin schickte es Mordechais Sippe; sie beheizte ein halbes Gouvernement. Die Bauern der Umgebung sammelten frank und frei die Zweige der gefällten Bäume, und wo es einen Toten bei einem armen Bauern gab, dort gab Mordechais Sippe die Bretter für den Sarg. Rechts die dichten Wälder von Lipowiec, in denen hundertjährige Eichen vor Alter stürzten, zerbröselten und noch stärkere Eichen aus sich trieben. Links fette Wiesen, auf denen die kleinen weißgetünchten Fischerhäuschen nur wenig über das hohe Gras heraussahen. Die ganze Gegend lag fern von menschlicher Siedlung, wie eingeschnitten zwischen Wasser und Wald;—so wuchsen die Fischerkinder halbwild auf und versteckten sich wie aufgeschrecktes Kleinwild vor den Menschen, die vorüberkamen. Bei Tag schliefen die Fischer. Sie schliefen sippenweise wie die Zigeuner. Das ganze Zimmer hatten sie belegt, Vater, Mutter, Kinder, Eidame und Schnuren lagen miteinander auf Strohsäcken. Wenn die Nacht kam, zogen die Männer satt und ausgeruht zum Fang aus. Bevor sie gingen, schlugen die Weiber das Kreuz über sie, gaben jedem gerösteten Weizen mit, um die Fische zu überlisten, und eine Schnur mit Wolfszähnen als Amulett, damit Wanda, die Königin der Weichsel, sie nicht verlocke. Die kräftigen, braungebrannten Fischer, die mehr als einmal dem Tod ins Auge geblickt,, hausten zwischen Wasser und Wald, große Kinder, die die Sprache der Kinder sprachen und mit den Wellen der Weichsel reden konnten. Die Fischer bestiegen ihre Kähne, warfen den gerösteten Weizen ins Wasser und horchten. Und wenn die Weichsel Blasen zu werfen begann wie siedendes Wasser, da waren sie sicher, der Fang würde gut sein. Zufrieden richteten sie die Netze zurecht und spitzten scharf die Ohren. Das Rauschen wurde stärker — Scharen kleiner Fische jagten vorbei, fest aneinandergepreßt wie silberweiße Eisschollen; sie verschwanden und kamen wieder. Hungrige Hechte, dicke Karpfen und Schleie mit offenen Mäulern jagten ihnen nach. Langsam ließen die Fischer die Netze ins Wasser und immer wieder zogen sie aus den Stiefelschäften die bauchigen Branntweinflaschen, wärmten sich und träumten. Sieträumten von Irrlichtern, die des Nachts auf dem Wasser leuchten und da und dort aus dem Walde blitzen wie Wolfsaugen. Sie waren überzeugt, das seien Schätze — Wandas Schätze. Einem Irrlicht folgen darf man nicht — es verlockt und führt irre. Wenn die Weichsel unruhig wurde und Wellen warf, die im Mondlicht aussahen wie grüne Eisblöcke, da beteten die Fischer wie Kinder zu ihr und baten sie wie eine Mutter, sie möge Mitleid haben und aufhören, böse zu sein. Und wenn das Wasser sich nicht beruhigen wollte, warfen sie Wanda einen Wolfszahn nach dem anderen zu und verankerten alle zusammen die Kähne am Ufer. Dort zogen sie die Tonpfeifen hervor, spuckten ins Wasser und hörten zum hundertsten Male von den alten Fischern, daß der Fang von Jahr zu Jahr schwächer werde, daß Wanda gefesselt sei, daß die Weichsel auseinandergerissen und die Zeiten von ehemals nicht mehr da seien, da die Fischer frei wie Vögel über das Wasser flogen. Dort im Wasser taucht Wanda in die Nacht empor. Sie erhebt sich, hüllt die Weichsel ein und klagt vor ihren Kindern, daß man ihr Wasser verunreinigt. Daß fremde Menschen wie Heuschreckenschwärme gekommen seien und daß sie es eng habe. — Die jungen Fischer löschten die Laternen, spuckten in die Fäuste, faßten die Ruder fester und glitten über das Wasser wie über den Rücken eines gelenkigen, großen Tieres. So stahlen sie sich heimlich in die Staatsgewässer, wo der Fang besser war. (Fortsetzung folgt)

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