Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-03-29 · 13 (29.3.1929) · p. Seite 204

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
13 (29.3.1929)
Date
1929-03-29
Page
Seite 204 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9162031--09311-9082219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

204 Das Jüdische Echo Nr. 13 in großzügiger Weise verwirklichen läßt ■— ist es eine Utopie, wenn man sich für das Münchner jüdische Museum, das ja bis jetzt leider auch noch nicht besteht, eine Abteilung „das jüdische Buch“ wünscht? Religion und Volkstum In ungemein fesselnden Ausführungen behandelte dieses Thema Herr Rabbiner Dr. Max Wi e n e r (Berlin) auf einem von der Zionistischen Ortsgruppe einberufenen Ausspracheabend am Mittwoch, dem 20. März, im Herkulessaal. Ausgehend von den zwei religiösen Grundrichtungen des Liberalismus und des Konservatismus, die letzten Endes beruhen auf dem seltsamen Doppelantlitz der Religion als Sache der Tradition, deren Wichtigstes (Offenbarung, Stiftung) am Anfang steht, und als allerpersönlichste Überzeugung, die immer neu errungen werden muß, zeigte er, daß diese Differenzierung, die sich bei jeder Religion einstellt, bei der jüdischen am tiefsten sein muß, da es wohl zwischen Glauben und Unglauben an das Dogma tausend Variationen geben könne, das Gesetz aber unbedingte Anerkennung fordert und Nichtanerkennung in diesem Falle schon völlige Verwerfung bedeute. Man tue dem jüdischen Liberalismus deshalb unrecht, wenn man ihn als „Subtraktionsreligion“ bezeichne; sein wahrer Fehler liege darin, daß er aus dem lebendigen und immer auch mystischen Judentum in allzu starker Anlehnung an den Protestantismus eine Weltanschauung, eine Konfession zu abstrahieren sich bemüht habe. Gewiß seien viele der dabei entwickelten Gedanken richtig, aber nicht deshalb, weil sie beweisbar seien als die ihnen gegenüberstehenden christlichen Ideen, sondern nur deshalb, weil sie aus wahrhaft jüdischem Seelentum hervorgegangen seien. Dieses aber sei in seiner Existenz immer abhängig von der Grundlage eines wahrhaft jüdischen Lebens; nur in einer jüdischen Gemeinschaft, in jüdischem Volkstum könne jüdische Religion sich immer neu entwickeln. Deshalb brauche der jüdische Liberalismus noch viel dringender als der Konservatismus den jüdischen Aufbau in Palästina, weil dort und dort allein ein ursprünglich jüdisches Leben Entwicklungsmöglichkeiten habe und weil nur dort auch die jüdische religiöse Frage gelöst werden könne. Herr Dr. Wiener, dessen Referat großen Beifall fand, hätte ein zahlreicheres Publikum und eine angeregtere Aussprache verdient; von liberaler Seite meldete sich niemand zum Wort; es sprachen Dr. Siegfried Stern und Herr Justizrat Dr. Emil Fraenkel, der zeigte, daß auch für das orthodoxe Judentum der Aufbau Palästinas eine religiöse Notwendigkeit sei. Moderne jüdische Kultur Ein Referat Dr. Rubins Gesamtausschuß der Ostjuden und Jüdischer Kulturverein Perez, zwei Veranstalter, die in letzter Zeit mit einer Fülle bedeutsamer kultureller Abende hervorgetreten sind, hatten für Samstag, den 23. März, zu einem Vortrag Dr. Rubins eingeladen. Dr. Rubin, ein sympathischer temperamentvoller Referent — er sprach jiddisch —, führte etwa folgendes aus; Die ostjüdischen Kolonien in Deutschland leben abgesondert von den jüdischen Massen, losgelöst von den Zentren moderner jüdischer Kultur. Mit fortschreitender Assimilation geht auch das Interesse an intensiven jüdischen Leben verloren. Vom Leben dieser jüdischen Zentren zu berichten, sei seine Aufgabe. Seit über 4000 Jahren sind1 die Juden ein Kulturvolk, doch hat man verschiedene Phasen dieser Kultur zu unterscheiden. Solange Juden ein separates religiöses Leben führen, in Palästina — im Ghetto, solange ist ihre Kultur eine spezifisch jüdische, sowie sie aber aus ihrer Absonderung heraustreten, sowie sie das Ghetto verlassen, tritt der Zerfall der spezifischjüdischen Kultur mit Notwendigkeit ein. War die Kultur der Juden bis zur Aufklärung etwa jüdisch, aber nicht modern, so ist sie späterhin zwar modern, nicht aber jüdisch geworden. Erst in der letzten Zeit findet sich eine moderne jüdische Kultur, als gesunde Synthese zwischen jüdischer und moderner Kultur. Betonte noch J. L. Gordon; Sei Jude daheim und Mensch draußen — so sind heute Mensch und Jude identische Begriffe —. Moderne jüdische Kultur heißt: moderne, jüdische, weltliche und menschliche Kultur, die das jüdische Leben jüdisch und das allgemeine Leben menschlich bereichert. Die Zweiteilung des jüdischen Menschen ist aufgehoben. Nach einem allgemeinen Überblick über die Entwicklung der jiddischen Sprache seit der Tschernowitzer Konferenz geht der Referent auf Einzelheiten ein und schildert erschöpfend den Werdegang und die rapide Entwicklung der jiddischen Literatur, des jiddischen Theaters, der Malerei, der Wissenschaften sowie der 'jiddischen Schulen, leider jedoch ohne näher und ausführlicher auf die kulturellen Bestrebungen innerhalb dieser einzelnen Gebiete näher einzugehen. Schließlich gab er seiner Überzeugung Ausdruck, daß man heute an der Schwelle einer neuen jüdischen Entwicklung stehe. An der Diskussion beteiligten sich die Herren Katz, Taubes, Teitel, Horn, Löwy, ohne daß jedoch wesentliches zu dem überhaupt recht schwierigen Thema beigebracht worden wäre. Mit vollem Recht hat man aber den Referenten darauf aufmerksam gemacht, daß bei aller Wertschätzung des „Jiddischen“ und seiner Bedeutung die hebräischen Kulturbestrebungen infolge ihrer natürlichen Verankerung in Palästina offenbar doch die Zukunft für sich haben, daß man sie aber keinesfalls totschweigen und vergessen dürfe, wenn man ein Bild der modernen jüdischen Kultur entwerfen wolle ■— wie dies im übrigen der Redner allen seinen Hörern zu Dank getan hat. G. Q. Zionistische Ortsgruppe München. Montag, den 8. April 1929, abends 8.15 Uhr, findet im Lessingsaal, Herzog-Rudolf-Straße 1, die ordentliche Generalversammlung statt. Tagesordnung: 1. Referat Dr. I. Emrich: „Zionistische Politik und zionistische Arbeit“. 2. Bericht des Vorstandes und der Ressortleiter. 3. Kassenbericht. 4. Entlastung und Neuwahl. 5. Verschiedenes. Anträge zur Generalversammlung müssen bis spätestens 31. März schriftlich eingereicht werden. Bar-Kochba, München. Während der Osterferien findet das Turnen der Damen jeden Montag, abends 8.15 Uhr, in den Räumen der israelitischen Volksschule statt. Die gemeinsamen Übungen werden jeden Sonntag vormittags 9.30 Uhr im Lessingsaal, Herzog-Rudolf-Straße 1, geprobt. Die Sonderriege der Herrenabteilung übt nach wie vor in der Turnhalle von 1860, Aucnstraße. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen ist unbedingt notwendig. Das Schauturnen wurde nun endgültig auf Donnerstag, 9. Mai (Christi Himmelfahrt) ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.