Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- Seite 202 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Das Jüdische Echo Nr. 13 Joel tritt an die offene Tür, winkt Christof heran. Sie stehen im Nachtdunkel. Das Zimmer (bei Tag dient es als Nähstube) ist hellerleuchtet, der Gasbrenner singt leise. „Das Mädchen, Schlomith, hat ein Einzeltier für den ganzen Tag verlangt, womöglich die schwarze Stute, ferner dieselben Menschen wie gewöhnlich. — Schlomith hat den Gartenbau unter sich.“ „Davon redet sie? Von nichts anderem?“ „Still. — Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen alles übersetzen. Elieser spricht jetzt. Er leitet die Falcha, den Ackerbau. Er hat schon vorher gesprochen, denn mit der Falcha wird jedesmal angefangen. Jetzt resümiert er nur, daß er mit den fünf Gespannen, die man ihm zur Verfügung stellt, noch immer nicht das Auslangen findet. Jeder verteidigt hier eben seinen Arbeitszweig.“ „Was sagt Garta — ich meine: Schmuei?“ „Erich — Sie können ihn doch ruhig weiter so nennen, wir sind keine Kinder —, Erich ist der Sadran, er ist für drei Monate gewählt und hat die ganze Verantwortung für die richtige Arbeitseinteilung. Wir schätzen ihn alle besonders seiner unerschütterlichen Ruhe wegen. Man hat ihn noch nie aufgebracht gesehen. Und dabei geht es beim Siddur manchmal heiß her.“ „Ich dachte, ihr streitet um allgemeine soziale Probleme oder die richtige Ehe oder die Frage, ob es jüdische Musik gibt „Oder ob die Juden ein Volk oder bloß ein Stamm sind. Nun, das haben wir gottlob hinter uns. Es ist ja so langweilig. — Gewiß, wir diskutieren viel, bei freier Zeit ist das richtig und bringt auch vorwärts. Aber das hier, der Siddur, ist das Wichtigere. Ich übersetze das Nächste: Erich findet, daß für Maissaat und Bewässerung .v V i n Ohzjrn/LourxJ. U^c/x6iJ^CorS6r-3. 8 bkol ung Kostenlos ein Einzeltier und zwei Menschen genügen. — Aber ist Ihnen das nicht zu speziell?“ „Im Gegenteil, das ist ja ... das suche ich ... das hat Richaerd immer gewollt. Bitte, weiter, Wort für Wort.“ Joel schüttelt den Kopf. „Wie Sie wollen — also Erich entscheidet: zum Erbsenraufen haben wir vorläufig zwei vom Garten, drei von der Pflanzung, fünf Leute vom Heu — verzeihen Sie, man drückt das so stenographisch aus ■—, einen vom Bau und einen von der Wäsche, das sind zwölf. Vielleicht können wir noch ein paar Schulkinder haben? Ist jemand von der Schule da? — Ar je als Vertreter der Schulgemeinde meldet: drei Kinder zur Verfügung, aber Nöemi, die vierteltägig im Kuhstall arbeitet, ist krank geworden. — Meir erwidert: Dann brauchen wir im Kuhstall Ersatz für sie. Rachel macht aufmerksam: Wenn ihr am Sabbat frische Wäsche haben wollt, müssen morgen mindestens zwei Leute bei mir eingeteilt werden. Auch Jakob wünscht zwei Leute: zum Aufbinden der Weinstöcke, sonst könnte Windschaden entstehen. — Heute geht es ganz ruhig zu. — Der Sadran rechnet. Noch ein paar Wünsche: der Stall muß frisch gekalkt werden, die vielen jungen Kälber sind empfindlich. Im Dschalud, dem Goliathbach, muß endlich auch wieder einmal das Schilf gemäht werden, damit sich das Wasser nicht staut. — Sehen Sie, nun hat Erich die Verteilung ausgerechnet. Gewöhnlich nimmt man seinen Vorschlag an. Jetzt wird die Sitzung sofort zu Ende sein. Wohin gehen Sie?“ Christof eilt weiter gegen den großen Platz, in die windige Nacht. Er ist erschüttert. Bei all seiner Bewunderung hat er dein Siedlern doch noch Unrecht getan. Mußte ihn erst die Sachlichkeit dieser Beratung überzeugen? Was war das für ein seltsamer Widerstand in ihm gewesen, der Debattierlust und Forciertheit als letzte Ausflucht nahm, um abzulehnen, wo doch nur rückhaltlos und mit ganzem Herzen zuzustimmen ist! Aber es scheint, daß man das ganz Vorzügliche nur ungern gelten läßt, Wie unsinnig, von Forciertheit zu fabeln. Selbst forciert, rief er sich wütend zu. Konnte man ruhiger, zielbewußter, einfacher beraten als diese jungen Leute! Der gute Wille einer Gemeinschaft bildet sich aus den guten Einsichten der einzelnen Menschen. Ja, jetzt weiß ich es: Hier sind nicht Phantasten am Werk — hier wächst wirklich und aus starken Wurzeln das, was Richard Garta sein ganzes mühevolles Leben lang zu erleben nicht gelang, was ihm aber immer sternbildklar vorgeschwebt ist. Hier geschieht das, was entfernteste, gleichsam aus der Zukunft her wirkende Ursache war, daß Garta in all seiner Verzweiflung den letzten Halt nie verlor. Mit einemmal schießen Gedanken in ihm zusammen, die schon lange bereit lagen. Vieles wird klar. Ja, es ist richtig — gerade hier auf scheinbar ungünstigstem Terrain mußte der Versuch unternommen werden. Es ist in Wahrheit das einzig mögliche Terrain. Denn hier nimmt man niemandem etwas weg! Aus Sumpf hat man Ackerland geschaffen, dabei wurde keinem Gewalt angetan. Dies ist der ungeheuere Unterschied von Moskau. Dort mußte altes Unrecht mit Gewalt und List gestürzt werden, ein Großteil der Nation ins Ausland, in den Niedergang gejagt. Dabei bleibt die tragische Notwendigkeit bestehen: in Rußland war wohl eine neue und bessere Ordnung nicht anders aufzurufen i als durch diesen furchtbar grausamen Kampf. Hier im Emek hatte man nur