Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- Seite 201 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Das Jüdische Echo 201 Und nur eines stört Christof noch. Warum wird der schwierige Versuch gerade hier gemacht, wo Klima, unzulängliche Mittel, politische Situation, auch wohl manche landwirtschaftliche Unerfahrenheit ihn noch obendrein erschweren? — Ritter gibt, zumindest was das Klima anlaingt, in der hier beliebten trockenen Art eine Antwort: das Klima wird sich bessern, wenn man mehr Wälder pflanzt. „Tut man das?“ „Ja, man ist an der Arbeit, an vielen Punkten zugleich. Wir pflanzen Regen für unsere Kinder.“ Aber die menschlichen Schwierigkeiten! Es tauchen immer neue auf. je mehr er vom Leben hier zu hören und zu sehein bekommt. Die Araberfrage, Parlament und Demokratie, erotische Klemmungen, das religiöse Problem, Kapital, Erbpacht. Über all dies gibt es Theorien, über das alles haben die Siedler schon bis zum Gehirnaufbrauch nachgedacht. Gerade das viele Theoretisieren ist es, was Christof abstößt. Manchen Augenblick erscheinen ihm alle diese Menschen, wiewohl sie ihr Leben an die Sache wagen, in graue Abstraktion aufgelöst. Im Überwiegen der großen Theorie liegt das Forcierte. Es scheint ihm manchmal ein Denken um entlegener Kombinationen und Möglichkeiten willen, nicht zu lebendigem Ziel. Nichts gegen Theorie zu sagen, wo Erkenntnis gewonnen werden soll. Aber es ist ein jüdischer Erbfehler, auch ganz praktische Fragen, einfach aus Freude am Scharfsinn, mit theoretischer Erwägung zu überlasten. Die Praxis stockt dann, man hat nur stundenlang seinen Geist frisch gewetzt. Garta mochte das nicht — in dieser Hinsicht scheinen ihm die Siedler vo;n Giwath-Afunah noch ungefestigt. Dabei wollen sie Bauern sein! Seltsame Bauern, die mit Bergson und Husserl und Buber und sämtlichen Bänden Lenins argumentieren. Dennoch liebt er sie — er fühlt, daß sie nicht bloß für das Judentum, daß sie für die gesamte Menschheit als Pioniere hier stehen, unter Einsatz ihrer letzten Kraft. Sie nehmen das Leid der ganzen Welt auf sich, ein Messiasgeschlecht. Nie würde er sich getrauen, ihnen solch ein Wort ins Gesicht zu sagen — es würde zu dem harten Stil ihres Lebens nicht passen, klänge merkwürdigerweise, wiewohl voll Ehrerbietung gemeint, fast wie Beleidigung und Hohn. Über diese eigenartige Lobentwertung, die er in sich erprobt (aus dem Gefühle der Siedler hervor), kann er sich erst gar nicht fassen. Sie widerspricht allem Erlebten. Dann findet er doch eine Analogie: während des Krieges sandte man aus dem Hinterland gern aufmunternde und bewundernde Sprüchlein in die Schützengräben — sie waren zum Teil gewiß ehrlich gemeint, und doch weckten sie den I. MÜNCHENER PLISSEBRENNEREI FRANZ GRUBER, MÜNCHEN Holsaum, Knöpfe, Endeln Kanten .Kost Umsticker eien Burgstraße 16 3 Knopflöcher Telephon 22975 Frontsoldaten die Galle. Heimkrieger haben eben in keinem Falle das Recht, sich mit verlausten und täglich bombardierten Frontsoldaten in Harmonie zu fühlen. Noch so demütige Anerkennung ist in diesem Falle schon Überheblichkeit. — Ihr Pioniere, schon Andern man euer Tun lobt, nimmt man sich zu viel gegen euch heraus! Tadel ertragt ihr leichter, er fügt sich auch besser in euren täglichen Kampf. Nun glücklicherweise habe ich ja auch genug zu tadeln. Was hockt ihr da wieder in der großen Baracke, Papiere vor euch, Bleistifte in der Hand! Ein Literatenverein! Statt abends nach der Arbeit stillzusitzen oder langsam zu spazieren, Erholung zu suchen, hetzt ihr euch ins Geistige —■ eure Versuchung seit je — und die Diskussion nimmt kein Ende. Ist ein Satz von Marx am Ende doch anders aufzufassen, als ihr gestern beschlossen habt? Jeden Abend nach dem Abendessen findet solch eine Sitzung statt. Welch eiine Geduld! Christof hat nie teilgenommen — die hebräische Sprache würde ihm die Verhandlung ohnehin unverständlich machen. Im täglichen Verkehr wird die Heimatsprache zugelassen, bei offizieller Beratung nicht — obwohl die meisten mit dem Hebräischen noch kämpfen, mit dieser allerschwierigsten Sprache (noch eine Schwierigkeit zu all den andern! Ihr wißt wohl nicht, was ihr euch noch alles aufladen sollt, ihr dummen Pioniere!) —, aber man zwingt sich eben. Überall Zwang, Forciertheit, Pflicht, Tugendschule! „Den Kindern wird die Sprache natürlich sein.“ Hoffnungen, wie in allem hier. Vor Christofs Augen zerfließen sie — was übrig bleibt, ist Qual und Debatte. Freund Joel kommt vorbei. Christof verspürt Lust, all die Qual zu verneinen, mit guten Gründen von sich wegzujagen — er will nicht mehr teilhaben daran, nicht einmal mit seiner bloßen Sympathie. Er ist ganz bösgesinnt, rollt die Augen gegen die Verblendeten, sein Temperament geht los. „Darf man wissen, was die da drinnen debattieren?“ herrscht er den ahnungslosen Weinbergfachmann an. „Es ist der Siddur Haawoda — die Beratung gilt für den morgigen Tag.“ „Bitte, möchten Sie mir übersetzen, was das Mädchen eben spacht.“ Immer herrisch und streng. AUSTRO-DAIMLER 6Cylinder,’12/70PS Eine umwälzende Neukonstruktion Hirschbold K o m m. - G e s. Fernruf 51355 MUNCH EN Sonnenstr. 19