Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 12 (29.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-29
- Page
- Seite 45 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 45 „Was meinst du? Ich verstehe dich nicht!“'— sagte Frau Sara, die wirklich nicht begriff, was ihr Mann meinte. „Du wirst mich natürlich für verrückt halten!...“ — erwiderte der alte Lederer — „Doch wenn du meine Worte genau erwägst, wirst du einsehen, daß ich recht habe. Es hat lange gedauert, bis ich darauf gekommen bin; ich habe es mir genau überlegt und bin zur Überzeugung gekommen, daß wir das tun müssen.“ „Was denn?“ „Erinnere dich doch an das Leben, das wir beide in der alten Wohnung auf der Norfolk- Street geführt haben zu der Zeit, da ich als gewöhnlicher Arbeiter im Shop gearbeitet habe und du das Hauswesen besorgt hast. Damals hatten wir beide ein wahrhaftes Zusammenleben, wie es schöner nicht sein konnte. Wir haben einander wahrhaft lieb gehabt und auch die Kinder wirklich geliebt. Wir waren rechtschaffene, ehrliche Menschen. Ich habe mein Brot schwer verdient und zusammen mit allen Unterdrückten von einer besseren und schöneren Welt geträumt. Ich habe eine große Hoffnung besessen und einen Glauben, wie ihn jeder anständige Mensch hat. Mir ist mein Leben schön erschienen, schön und süß die Arbeit. Ich hatte alles. Ich hatte einen Glauben — verstehst du? Den Glauben an die Menschen, an die Welt. Was aber habe ich jetzt? Prächtige Zimmer. Wozu, wofür? In meinem Herzen ist es leer und öde, denn ich glaube an nichts mehr. Ich bin ein alter Mann. Wie lange werde ich noch leben? Es ist schwer, die letzten wenigen Jahre, die einem noch vergönnt sind, ohne einen Glauben zu leben. Verstehst du mich jetzt? Das hat mich so verbittert, deshalb wurde ich so schlecht zu dir und zu den Kindern. Meinst du, ich wüßte nicht, daß ich schlecht war? Ich weiß, daß ich euch das Leben verbittert habe, ich weiß es — doch ich konnte mir nicht anders helfen. Die Verzweiflung hat mich gepackt, hat aus mir geschrien. Ich sehe den Tod vor Augen und habe nichts, um ihn zu empfangen, als die öden prunkvollen Zimmer hier und das hohe Bankkonto, das ich meinen Kindern hinterlasse, das ich durch Lüge und Schlechtigkeit, durch fremden Schweiß erworben habe. Genügt das? Ein frommer Jude hat wenigstens seinen Glauben an den Messias, ans Jenseits. Was habe ich? Nichts! Nichts! Begreifst du jetzt meine Verbitterung?“ Die Frau hörte ihn bis zu Ende an. Sie fühlte, daß ihn etwas schmerzte. Sie spürte und hörte den Schrei, der aus ihm hervorbrach, und bemühte sich, ihn zu verstehen. Ihr altes gutes Herz sprach wieder und aus der Asche des Reichtums schien die alte Flamme der Liebe wieder aufzuglühen, die dem alten Paar in den Ta,gen der Armut geleuchtet hatte. Sie ging auf ihn zu und umarmte ihn voll Mitleid und Liebe. Tränen standen in ihren alten Augen, flössen über ihre Wangen und zogen Furchen in die dicke Puderschichte, die darauf lag. „Was sprichst du da,Chaim? Du hast nichts? Du hast doch Kinder! Wohlgeratene Kinder, Gott sei Dank! Was fehlt dir? Was suchst du? Dein Leben lang hast du schwer gearbeitet. Du hast niemanden bestohlen, niemanden betrogen und hast, Gott sei Dank, einen guten Namen, hast ein gutes Auskommen. Was willst du? Was fehlt dir?“ Der alte Lederer saß regungslos und sprach kein Wort. Er grub die Zähne in die Oberlippe, die jetzt kurz bewachsen war, und schwieg nachdenklich. „Also, was willst du tun?“ — fragte die Frau. „Ich will, daß wir unser Haus verlassen und wieder zu dem anderen Leben zurückkehren, das wir früher geführt haben.“ „Zu welchem Leben?“ „Zu dem einfachen, armen Arbeiterleben?“ „Wast verstehst du unter Arbeiterleben?“ „Ich verstehe darunter, daß wir auf der Norfolk-Street wohnen oder anderwärts, oder daß wir in eine andere Stadt übersiedeln, wenn die Kinder uns hier nicht haben wollen. Dort wird uns niemand kennen. Niemand wird wissen, wer wir sind. Wir werden etwas Geld mitnehmen und werden uns arm, aber ordentlich einrichten. Ich bin noch bei Kräften und du bist noch bei Kräften ...“ „Warum sollen wir fortziehen? Was fehlt uns hier?“ „Was mir fehlt? Arbeit! Ich will arbeiten!“ — rief der alte Lederer ungeduldig. „Was willst du arbeiten? Willst du ins Geschäft zurück?“ „Nein, ich will arbeiten wie jeder anständige Mensch. Ich will wieder ein Schneider werden, ein armer Arbeiter, ein armer Konfektionsarbeiter, wie ich es im Anfang war, früher, bevor ich mein Unternehmen begründet habe.“ „Was sagst du? Ein Arbeiter? Du — Chaim Lederer, willst ein Arbeiter werden?“