Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 12 (29.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-29
- Page
- Seite 44 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 12 mit Nadel und Faden über ein Hemd gebeugt sah, erbleichte er vor Schreck. Nußbaum ging auf den alten Lederer zu und rüttelte ihn, wie man jemand aus tiefem Schlaf wachrüttelt; er tat es ehrfurchtsvollvorsichtig, in Angst, er könnte den „Boß“ erzürnen: „Mister Lederer, Mister Lederer, was tun Sie?“ Lederer fuhr empor und sah sich um: „Ha, Nußbaum, du bist es?“ Nußbaums Erscheinen rief Lederer nicht mehr in die Wirklichkeit zurück, wie es das erstemal geschehen war. Diesmal hatte es auf ihn zweifache Wirkung: Er kannte ihn. Daß war Nußbaum, sein Faktotum. Gleichzeitig aber hatte er Furcht vor dem „Aufseher“ ... „Boß“ und Arbeiter schienen sich in Lederer miteinander vermengt zu haben ... Abwechselnd empfand Lederer ein Gefühl der Unterwürfigkeit gegen den Aufseher, das noch aus seinen Arbeiterjahren stammte. Lederer wurde verlegen und sah sich ratlos und erschreckt um. Noch größer war Nußbaums Schreck und Ratlosigkeit; er wußte nicht, wie er reagieren, wie er sich dem „Boß“ gegenüber verhalten sollte: „Mister Lederer, das paßt doch nicht für Sie! Was tun Sie?“ — raunte Nußbaum dem alten Lederer ins Ohr, bemüht, die Arbeiter nichts merken zu lassen. „Laß mich hier sitzen, Nußbaum! Ich bitte dich, laß mich!“ — bat Lederer sein Faktotum mit gebrochener Stimme; mit einer solchen Stimme hatte er wohl einst, in seinen Arbeiterjahren, dem „Aufseher“ eine Bitte vorgebracht. Nußbaum ging ins Büro hinunter und meldete leise und vertraulich Morris, dem jungen „Boß“, was vorgefallen war. „Was, wie? Er sitzt oben und näht?“ „Jawohl“ — bestätigte Nußbaum angstvoll. „Pst! Still! Erzählen Sie kein Wort davon und tun Sie, als wüßten Sie von nichts!“ — Morris begleitete seine Worte mit einem erklärenden Wink und Nußbaum gab unterwürfig und gehorsam mit einem Senken der Augenlider und Kopfnicken zu verstehen, daß er begriffen hatte. Morris ging in den Shop hinauf, trat auf den Vater zu und sagte mit einem Lächeln, das dazu bestimmt war, den Vorfall vor den Arbeitern zu vertuschen: „Was tust du, Vater?“ „Ha, wer spricht hier?“ — der Anblick des Sohnes riß Lederer aus seinen Halluzinationen. Die Furcht vor dem Sohn hatte den Alten geweckt — „Nichts, gar nichts, ich habe nur sehen wollen, ob ich das alte Handwerk noch kann!“ — verteidigte sich der alte Lederer freundlich lächelnd vor seinem Sohn. „Du kannst es noch, du kannst es noch“ — sagt Morris mit demselben Lächeln wie vorher, faßt den Vater unterm Arm und führt ihn aus dem Shop hinunter in sein Kontor. „Was tust du? Weißt du, was du tust?“ — jetzt hat der Sohn den Ton geändert — „Du bist krank. Du mußt zu einem Arzt. Vater, ich beginne daran zu zweifeln, ob du völlig bei Verstände bist!“ „Was habe ich denn getan?“ — verteidigte sich der Vater — „Ich habe sehen wollen, ob ich noch nähen kann. Vielleicht werde ich es einmal nötig haben. Vielleicht kommt es mir noch einmal zunutze. Man ist doch nur ein Mensch“ — fügt er lächelnd hinzu. „Vater, was redest du da? Weißt du, was du redest?“ „Natürlich weiß ich es. Ich bin nicht verrückt. Ich habe keine Angst, o nein! Stelle dir vor, ich wäre ein Arbeiter, ein einfacher, gewöhnlicher Arbeiter wie Aron, wie alle anderen. Ich war doch einmal einer von ihnen, warum kann ich es nicht wieder werden?“ „Das ist unmöglich; du kannst nicht einer von ihnen werden! Du bist nicht einer von ihnen. Du bist ein „Boß“, — ein „Boß“, kein Arbeiter! Verstehst du? Ich muß mit der Mutter sprechen. Es ist Zeit, daß die nötigen Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, sonst weiß Gott, was noch geschehen kann!“ Morris führte den Vater hinaus, setzte ihn in ein Auto und sandte ihn in Begleitung eines Angestellten nach Hause. Als Lederer nach Hause kam, war die ganze Familie bereits über das, was vorgefallen war, unterrichtet. Der Sohn hatte telephonisch Bericht erstattet und Lederer wurde von seiner Frau wie ein Schwerkranker empfangen: „Chaim, was ist mit dir geschehen? Chaim, Chaim!?“ Am selben Abend geschah etwas noch Schrecklicheres. Als Lederer mit seiner Frau allein im Speisezimmer saß (die Tochter war ganz zum Sohn übersiedelt) schlug er vor, sie mögen beide die prächtige Villa und die Kinder verlassen, sich auf der Essex- oder Norfolk- Street einrichten und zu ihrer früheren Lebensweise zurückkehren.