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Das jüdische Echo · 1929-03-22 · 12 (22.3.1929) · p. Seite 189

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
Seite 189 (sequence 22)
Language
German
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Nr. 12 Das Jüdische Echo 189 Volk hat sich doch nur gefreut mit diesem Verbot. „Und du sollst keine Bestechung nehmen“ — das ist schon eine heiklere Sache. Denn die ägyptischen Juden waren noch von Gosen her gewohnt, für alles einen „Bakschisch“ zu geben, für alles, was nicht erlaubt, und auch für alles, was erlaubt ist. Denn bekanntlich haben sich die Ägypter ohne diese Mittel nicht vom Platze gerührt. Wären die Ägypter wirklich unbestechlich gewesen und alle ägyptischen Gesetze, alle pharaonische-n Erlässe vollstreckt worden, wer weiß, ob die Juden überhaupt noch hätten bestehen, ob sie die bittere Zeit der Verbannung hätten ertragen können. Ihr ganzes Glück bestand ja darin, daß alle Beamten in Ägypten erwiesenermaßen sehr bakschisch-lüstern gewesen waren. Man hat sie immer kaufen können. Und die Juden haben sich so gewöhnt an das „Kaufen“ und „Auslösen“, daß ihnen in der ersten Zeit der Freiheit ganz sonderbar zumute war. Wie kann man sich einem „Gewaltigen“ ohne „Silberling“ nahen? Doch — schließlich gewöhnten sie sich auch an diese Neuerung und an ihre vom Volk gewählten Hüter und Richter und entwöhnten sich allmählich davon Bestechungen zu geben. Nun denn, was ist sonst los im jüdischen Lager? Woher die Bewegung? Etwas Neues ist geschehen, etwas Unerhörtes. Zum ersten Male, seitdem man von einem neuen Vaterlande zu reden begonnen hatte, von Erez Israel, von der Befreiung aus der Knechtschaft und einem Leben als freie Bürger in einem freien Lande, hat man die Juden daran erinnert, daß die Erlösung auch etwas kosten muß. Man könne sich ja, hieß es, nicht immer auf Wunder verlassen, man könne auch nicht in alle Ewigkeit auf die Spenden hoffen, die brave Herzen für den Nationalfonds“ geben werden, — nein, mit solchen zufälligen Gaben, mögen sie noch so groß sein, lasse sich eine Volksbewegung nicht führen. Eine wahre Volkssache braucht ihr Budget, muß ihre Ausgaben und sicheren Einnahmen haben, das ganze Volk müsse daran Anteil nehmen vom Geringsten bis zum Höchsten, keiner dürfe sich ausschließen ... Und deshalb hatte Mosche RaJbbenu befohlen, daß jeder, der sich zu den Juden zählt, einen halben Schekel zahlen müsse, daß dies als Volksbesteuerung zu gelten habe: „Der Reiche soll nicht mehr, der Ärme soll nicht weniger geben“; alle sind gleich, arm und reicn. Das war das große Neue, das im jüdischen Lager eine solche Bewegung hervorgerufen hatte. Die Besitzenden, die Reichen, die Lieferanten sind verstimmt und halten sich fern. Sie fühlen sich verletzt, daß Mosche sie, die goldene Schar, mit den armen Leuten auf eine Stufe gestellt hat. Ein Schekel — auch eine Münze! Was schon Mosche mit diesen Armengroschen zuwegebringen wird! Wenn er, meinten sie, wirklich etwas unternehmen wollte, dann hätte er Korach & Co. einladen müssen, die Bankiers, die Millionäre, ihnen seine Pläne vorlegen sollen, und wenn sie diese für gut befänden, so hätten sie schon sicherlich die Mittel zur Ausführung gefunden. Aber Schekel, was läßt sich mit solcher Münze tun? Mosche ist uns nicht wohlgesinnt, er geht unters Volk, umgibt sich immer mit jungem Volk, armen Teufeln, Eldod und Medod, die sich wie Propheten gebärden und große Weissagungen im Lager halten — gut denn, wir wollen sehen, was er mit ihnen zustande bringen wird. Dosson und Awiram und ihr „Bund“ rennen auch im Lager Israels herum, wie von der Tarantel gestochen, agitieren, schreien, lärmen: „Was soll das Schekelzahlen? Sollen die Reichen geben, die Bourgeoisie! Aber wir Proletarier, was haben wir von Erez Israel? Wir hätten eigentlich gar nicht aus Mizzraim Weggehen sollen, wir hätten uns mit dem ägyptischen Proletariat vereinigen und mit ihm zusammen den Klassenkampf kämpfen müssen, anstatt uns loszulösen und ein neues Land für Juden suchen. Was die Erez-Israel- Leute reden, das sind alles Flausen — wir müssen zurück nach Ägypten und mit den Proletariern zusammen streiten!“ So haben gegen den Schekel auf der einen Seite Korach & Co„ auf der anderen Seite Dosson und Awiram und ihr „Bund“ agitiert. Aber die große Masse des Volkes hatte sich schon befreit von den Spitzfindigkeiten des Golus und sehnte sich nach einem eigenen Vaterlande. Und wie geschrieben steht, hat jeder ohne Ausnahme den Schekel gezahlt. Gemeinden-u. Vereins-Echo Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde München. Am Mittwoch, 27., und Donnerstag, 28. März, 8.15 Uhr, finden im Steinickesaal die bereits angekündigten Vorträge von Herrn Dr. Max Mayer über „Neuhebräische Literatur“ statt, deren Besuch jedem überhaupt an jüdisch-kulturellen Dingen Interessierten dringend ans Herz gelegt werden darf. Der Referent hat mit diesen Vorträgen, die bereits in einer Reihe von deutschen Städten abgehalten wurden, mehr als den üblichen Beifall errungen abgesehen von aller nur literarischen oder ästhetischen Würdigung hat er nach den übereinstimmenden Äußerungen der Kritik dem vorwiegend westjüdischen Publikum den Eingang in eine neue, reiche und wesenhaft jüdische Welt eröffnet; wir erwarten in Dr. Mayer den begeisterten Künder der Renaissance hebräischer Literatur und wir hoffen, daß man auch in München Verständnis für diese seine Sendung finden wird. Ausstellung jüdischer Bücher in der Gemeindebibliothek. Wie bereits mitgeteilt wurde, findet in der Zeit vom 22. mit 24. März anläßlich des Buchtages in der Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde eine Ausstellung statt, die dem jüdischen Buche gewidmet ist; sie steht an den genannten Tagen von 11 bis 1 Uhr dem allgemeinen und freien* Besuche offen; besonderes Interesse wird der Umstand erwecken, daß mit ihr eine Cossmann-Werner-Ausstellung verbunden ist. Über „Uraltes Kulturgut im heutigen täglichen Lebern mit besonderer Berücksichtigung des Judentums“ sprach am Mittwoch, dem 13. März 1929, im Rahmen der Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde München der bekannte Weimarer Kulturhistoriker Dr. E. Brandenb u r g. Er zeigte in hochinteressanten Ausführungen, wie in unzähligen Erscheinungen des alltäglichen Lebens, die niemandem mehr auffällig erscheinen, sich jahrtausendealte Kultureinflüsse noch heute auswirken, wie kein Kulturgut, das menschlicher

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