Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 11 (22.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 41 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9162023--09285-9082193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 11 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 41 „Glück“ so sehr abhing. Jetzt bekam er einen Sinn für ihn selbst. Sein „Unglaube“ wurde jetzt in seinen Augen ein Glaube — an die „bessere und gerechtere Welt“, die ihm einst aus den Büchern, aus dem Munde der Redner gewinkt hatte, an die bessere und gerechtere Welt für den „Bruder Arbeiter“ —• sie war dasselbe wie „die Welt des Jenseits“ für den Frommen. Zurück ins Lehrhaus! Zurück in die Schule! Es nützte nichts, daß die Phantasie ihm jetzt im Hintergründe Bilder des armen, sorgenvollen Lebens aufzog, welche „Lederer and sons“ schon längst für ewig begraben zu haben wähnten. Je kälter, je düsterer die Bilder, die Erinnerungen an das frühere Shopleben waren, desto mehr zogen sie an. Die Leiden der Not und Armut, die ihr Haupt aus der finsteren Nacht reckten, schienen ihn wie mit einem geheimnisvollen mystischen Zauber anzuziehen. Sie winkten ihm zu wie alte gute Freunde vergangener Zeiten und zogen ihn mit Zauberkraft immer stärker in ihr Netz. Vergebens versuchte er sie zu verjagen. Immer deutlicher und schärfer traten die bekannten Bilder hervor, Szenen, die er einst selbst erlebt, am eigenen Leib gespürt hatte — schlaflose Nächte, zielloses Wandern durch die Straßen in mehr als zweifelhafter Kleidung, das Gefühl der Müdigkeit und eine Schwäche im Rücken, der zu brechen schien. ... In Regen und Schnee in zerrissenen Schuhen, todmüde, ohne Mantel... Im Herzen Furcht vor Frau und Kindern, die daheim sitzen und ihn erwarten. Je unheimlicher, kälter und qualvoller die Bilder, Szenen und Erinnerungen waren, desto mehr zogen sie ihn in ihren Bann und drängten ihn, noch einmal alles auszukosten, was sie zeigten. Wie ein Säufer nach dem Branntwein leehtzt, dessen er sich schon einmal entwöhnt hat, wie der fromme asketische Büßer sich nach den Leiden und der Pein der strengen Buße sehnt, wie der Märtyrer nach seinen Qualen — so sehnte sich Lederer nach seiner Armut zurück. „Was habe ich vor den anderen voraus? So viele Hunderte und Tausende von Menschen, alt und grau, müssen sich selbst ihr Brot verdienen — bin ich besser als sie? Warum soll ich nicht dasselbe Los haben wie einer meiner eigenen Arbeiter, der alten Juden, die bei uns im Shop arbeiten? Was bin ich mehr als der gehörnte Motsche? Er darf so leben und ich nicht?...“ „Ich bin einer von ihnen. Der eine heißt der gehörnte Motche, der andere Chaim Lederer. Wem macht das einen Unterschied? ...“ Lederers melancholische Galligkeit schwand. Er wurde heiter und freundlich. Seine Familie behelligte er nicht mehr und hielt sich auch nicht mehr von ihr fern. „Sie — sind sie und ich — bin ich. Noch einen Tag, noch zwei Tage!“ Er neidete ihnen nicht mehr ihre Vergnügungen und störte sie nicht darin: „Sie haben ihr Leben, ich — meines.“ Lederers geändertes Verhalten rief in seiner Familie Staunen und Beruhigung zugleich hervor. Man hielt diese Veränderung für das Ergebnis der Unterredung, die der Sohn mit dem Alten gehabt hatte. Dem Sohn war es also gelungen, den Alten zu besänftigen. Der Sohn hatte den Vater gezähmt! Und der Sohn wurde der einzige Retter der Familie, ihr Stolz und ihr Haupt. An ihn wandte man sich, wenn etwas Besonderes vorkam. „Weißt du schon, Morris — dem Vater geht es besser! Er scheint sich ein wenig beruhigt zu haben“ — sagte die Mutter. Und der alte Lederer war dem Sohn nicht gram, daß er jetzt seine Stelle einnahm und die einzige Autorität im Geschäft und in der Familie geworden war. Der alte Lederer hatte jetzt seine eigene Welt, in der er lebte. Er schmiedete allerhand Pläne, wie er sein Ideal verwirklichen könnte, wieder ein gewöhnlicher Arbeiter in einem Shop auf der Provinz zu werden: „In Neuyork würde es der Sohn sicher nicht zulassen. Das würde ihm nicht passen. Ich werde also in eine andere Stadt gehen müssen. Was wird aber Sure dazu sagen? Wie soll ich ihr die Sache Vorbringen, um sie ihr begreiflich zu machen?...“ Lederer besuchte jetzt sehr häufig die „Firma“. Er stahl sich geradezu hinein, schlich durch die Geschäftsräume, ohne sich nach den Angestellten umzusehen und ging sofort ins oberste Stockwerk, in den Shop, zu den Arbeitern. Unbemerkt schlich er sich zwischen den Maschinen und den Rücken der Arbeiter durch. Sein Gang war so gebückt, so alt und in sich gekehrt geworden, daß man ihn für einen der Arbeiter hielt und niemand sich um ihn kümmerte. Unbemerkt erreichte er den Winkel der „Ausfertiger“, wo der alte Motche und andere alte Juden, alle langjährige Shop-Arbeiter saßen. Und zu ihrer größten Überraschung nahm der „Boß“ in ihrer Mitte Platz, duldete nicht, daß sie aufstanden und sprach mit Motche von den alten Zeiten, von dem früheren Shop und der früheren Arbeit. Im Shop arbeitete auch ein gewisser Aron