Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 11 (22.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 40 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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40 Romanbeilage des „Jüdischen Echos* Nr. 11 „Wer wird mich hindern es durchzuführen? Wem werde ich dadurch Ungelegenheiten bereiten?... Es ist viel besser so. So ist mir wohl!.,.. Wer wird mich hindern? Wem tue ich damit etwas Schlechtes? Warum soll ich es nicht sofort ausführen, noch heute, da ich doch dieses andere Leben, das arme Leben, so liebe? Das Leben im Reichtum hasse ich. Im Leben der Armut fühle ich mich wohl...“ „Das Leben der letzten Jahre war ein Irrtum, den ich richtigstellen muß. Die Jahre, die mir noch verbleiben, will ich mein Leben leben....“ „Warum sollten sie mich daran hindern? Ich will mit Sure sprechen. Ich will ihr alles erklären ... Sie wird es verstehen. Sie wird mit mir gehen. Sie weiß ja, was ich meine, sie weiß es ...“ Es war spät bei Nacht, als er aus seinem Zimmer trat. In den anderen Zimmern war niemand mehr, keiner von der Lamilie, keiner von den Dienstboten. Lederer sah Licht im Schlafzimmer. Dort fand er seine Lrau und seine Tochter. Sie saßen eng umschlungen; so schmiegen sich Menschen aneinander, die ein großes Unglück getroffen hat, und suchen ein- 4 ander zu trösten. Offenbar hatten sie alles eher denn sein Kommen erwartet. Sie erschraken, als er eintrat. Doch noch mehr erschreckte sie seine ruhige Miene und das freundliche Lächeln auf seinem Gesicht, das ihnen ganz ungewohnt war. „Warum seid ihr vor mir so erschrocken? Bin ich denn ein Irrsinniger?“ — sagte Lederer in ungewöhnlich gutmütigem Ton. Mutter und Tochter sahen einander ratlos an.... XII. Kapitel. NEUE LREUNDE. Der alte Lederer war in seinem eigenen Heim vollkommen isoliert. Lrau und Tochter, sogar die Dienstboten kümmerten sich nicht um ihn und hörten nicht auf ihn. Sie wichen ihm aus wie einem Menschen, der an einer Infektionskrankheit leidet. Er hatte in seinem Hause nichts mehr zu sagen. Lederer merkte auch, daß man seit einiger Zeit über ihn tuschelte und die Köpfe zusammensteckte; offenbar wurde etwas gegen ihn ins Werk gesetzt. Doch das war ihm gleichgültig, ja noch mehr — Lederer schuf die Isolierung und die Verachtung, der er begegnete, etwas wie ein geistiges Vergnügen und je mehr er sich von seinen eigenen Angehörigen verlassen und verachtet fühlte, desto ruhiger und glücklicher wurde er. Denn mit dem alten Lederer war eine wunderbare Veränderung vor sich gegangen. Sofort, nachdem er den Entschluß gefaßt hatte, in den Shop zurückzukehren und wieder Arbeiter zu werden, wie er es in seinen jungen Jahren gewesen war, stieg ein Gefühl in ihm auf, als hätte er eine unschätzbare Kostbarkeit wiedergefunden, die er verloren hatte. Er fühlte, daß er von einer unverständlichen, unbegreiflichen Lreude immer stärker erfüllt wurde, wie eine Traube, die von der reifenden Sommersonne gefüllt wird. Die Lreuden, die er, jetzt fühlte, waren ganz anders als bisher. Lriilier hatten sie etwa einem guten Geschäft gegolten, das ihm geglückt war; solche Lreuden hatten ihn stolz und sicher gemacht, höher, größer als alle, so wie sein Sohn; er hatte sich über alle anderen Leute erhaben gefühlt, daß mit ihm nicht zu reden war. Die Lreude, die er jetzt hatte, war ganz, ganz anderer Art. Sie war nicht schreiend, nicht grell, sondern still und beglückend und tat ihm wohl.... Lederer fühlte, daß er durch diese Lreude alle, alle lieb gewann; er hatte niemand, auch seine eigenen Kinder nicht.... Aber Lederer fühlte sich durch diese Lreude mit Millionen, Millionen Menschen verbunden. Er war nicht mehr allein. Er war ein Teil der Allgemeinheit: „Mir kann nichts mehr geschehen, gar nichts mehr. Die Lreude strahlt in mir und das tut so wohl! ...“ „Das, ja das habe ich wollen. Das habe ich gesucht. Ich hatte es verloren und habe es die ganze Zeit gesucht, es immer wieder für später verschoben, für das ,andere Leben4, nach dem ich mich sehnte....“ Es war der Glaube der Väter und Urväter, der Glaube, den er von hundert Generationen her im Blute hatte, ohne den seine Ahnen nicht hatten leben könen; er war in ihm wieder erwacht. Und wie ein frommer Jude, der einen Strahl der anderen Welt sieht und auf den mystischen Wegen seines Glaubens ein Endchen des „Unendlichen“ erfaßt, für sein armseliges, qualvolles Leben den Lichtstrahl der Erkenntnis und Gerechtigkeit erhält, mit dem sein Glaube es erhellt — so fühlte und erkannte Lederer mit einem Male das eigentliche Wesen, den Sinn seines eigensinnigen Atheismus: „Das war es, was mir Halt gab.“ Er verstand jetzt, warum er keiner „Synagoge“ hatte angehören wollen. Bisher war es bloß eine Laune gewesen, eine blinde Laune, aus der er seinen Kindern nicht den Gefallen hatte tun wollen, obwohl davon ihr