Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 11 (22.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 42 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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42 Romanbeilage des „Jüdischen Echos** Nr. 11 Zimbel, mit dem Lederer einst, in den ersten Jahren nach seiner Ankunft in Amerika, zusammen in derselben Werkstätte gearbeitet hatte. Das Wiedersehen mit Aron Zimbel machte Lederer so viel Freude, als hätte er einen Jugendfreund wieder getroffen; er fragte ihn aus und nannte ihm Namen längst dahingegangener Firmen und Personen, die niemand mehr kannte außer die beiden Alten. Anfangs brachten ihm die Arbeiter eine mit Angst vermengte Hochachtung entgegen und wollten nicht viel sprechen., Vielleicht kontrollierte der Boß, ob sie rasch genug arbeiteten! Sie bemühten sich in,seiner Gegenwart schnell zu arbeiten und möglichst wenig zu sprechen. Doch Lederer öffnete ihnen den Mund, indem er sie an alte gemeinsame Bekannte erinnerte. „Aron, erinnerst du dich noch, wie wir beide bei Glückson in der Essex-Street gearbeitet haben?“ „Selbstverständlich! Der hat doch den ,Bluthund4 zu unserem Aufseher gemacht! 0 war das eine Bestie!“. „Ja, ja, den ,Bluthund!4“ — in Lederer tauchte traumhaft eine Erinnerung auf — „Erinnerst du dich, Aron, wie er sich zu uns gesetzt hat und selber ein Hemd zu nähen begonnen hat, um zu zeigen, wie rasch man arbeiten kann? Erinnerst du dich noch?“ Die Arbeiter sahen einander an und gaben einander durch Winke zu verstehen, daß der Boß von Aufsehern sprach. Einer warf mit deutlicher Anspielung auf Lederer dazwischen: „Er hat darauf achtgegeben, ob die Hände genug schnell laufen, wie es mehr als ein ,Boß‘ tut; wenn er sehen will, ob seine Leute genug rasch arbeiten, dann setzt er sich zu ihnen.“ Doch Lederer verstand die Anspielung nicht. Das Gespräch hatte in ihm Erinnerungen wieder erweckt, die schon längst im Abgrund der Vergessenheit zu liegen schienen. „Ja, ja, er selber hat sich auch zu uns gesetzt, Glückson samt dem ,Bluthund!4. Draußen war es schon stockfinster und er hat uns eingeredet, es sei noch heller Tag.“ „Gib Ruh’! Es ist nicht Absicht bei ihm“ — sagte einer zu dem Arbeiter, der mit seiner Anspielung Lederer verdächtigt hatte, er wolle spionieren. „Etwas ist los mit ihm“ — warf ein anderer ein und deutete dabei auf seinen Kopf mit einer Geste, die andeutet, der Alte sei nicht recht bei Verstand. Gemurmel: „Der Aufseher kommt!“ Tiefe Stille. Die Arbeiter beugten die Köpfe über die Hemden. „Mister Lederer?“ — rief Nußbaum, der Aufseher, erstaunt. Die Anrede „Mister Lederer4" und Nußbaums Miene führten Lederer in die Wirklichkeit zurück. Er fuhr auf, als erwachte er jäh aus einem tiefen Schlaf, stand auf und verfiel wieder in seinen alten Ton: „Ich habe nur sehen wollen, was für eine Leinwand verarbeitet wird.“ „Nummer 38, Mister Lederer.“ „Yes, yes, Nummer 38.“ — Lederer ging wieder in die Geschäftsräume hinab. „Er ist alt geworden!“ — sprachen die Arbeiter unter sich, als Lederer den Shop verlassen hatte. „Aus Langeweile, weil er gar nichts zu tun hat, kommt er in den Shop zurück“ — fügte ein anderer hinzu. „Und ich sage euch, wenn man alt wird,, wird man dumm und kindisch.“' „Wenn nur der Boß nichts davon erfährt!“" Unter dem „Boß“ war jetzt schon Morris gemeint. Morris war genau unterrichtet, daß sein Vater sich von Zeit zu Zeit in den Shop schlich. Er meinte, der Vater wolle sich wieder betätigen. Da der Alte sich offenbar in die Geschäftsangelegenheiten nicht einmengen wollte, sondern oben, bei seinen „Landsleuten“ ein Betätigungsfeld suchte, so tat Morris, als merkte er nichts, obwohl so etwas gegen das „Reglement“ war, das er im Unternehmen eingeführt hatte. Er sagte sich: „Warten wir ab, wie sich die Dinge weiter entwickeln und ob es den Alten beruhigen wird. Etwas muß er doch tun. So mag er meinetwegen zusammen mit seinem ^arschal4 Nußbaum oben über seine ,Landsleute4, das Regiment führen ...“ XIII. Kapitel. SÜNDENBEKENNTNIS EINES ALTEN MANNES. Doch eines Tages geschah etwas Schreckliches. Lederer hatte sich, wie es ihm in der letzten Zeit schon zur Gewohnheit geworden war, wieder einmal in den Shop hinaufgeschlichen und ging unbemerkt zum Platz der „Ausfertiger“, wo seine Freunde, die alten Arbeiter saßen. Daran waren sie schon gewöhnt und nahmen es als Laune eines „Boß“, der nur aus Langeweile bei seinen Arbeitern sich ein wenig die Zeit vertreiben will (Fortsetzung folgt)