Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 11 (22.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 11. Fortsetzung Er wohnt noch immer in der ersten Wohnung in der Norfolk-Street. Sure ist die bescheidene, gute, jüdische Frau, als die er sie stets gekannt hat, die sie auch immer war, so wie sie in seiner Erinnerung vor ihm steht: „Die Ärmste hat daheim ihr Kreuz. Sie hat die zwei kleinen Zimmerchen in Ordnung gebracht, daß alle Wände und Winkel blinken, hat das Essen zusammengestellt und ist hinuntergegangen, hat sich vor die Haustüre gesetzt, um mich zu erwarten. Sie lächelt mir schon von weitem entgegen. Sie führt mich die Treppe herauf und erzählt mir dabei etwas aus der Hauswirtschaft. Aus der Wohnung duften die Speisen, die sie angerichtet hat. Wir treten ein. Sie sieht, wie ich schwitze und wischt mir mit der Schürze die Stirn ab. Dann geht sie in die Küche, um mir etwas vorzusetzen, und tut einen Seufzer. Ich; weiß, was der Seufzer bedeutet. 0 der Seufzer ... Wo nimmt man heute so einen Seufzer her?.. „Abend. Das Nachtessen ist vorüber. Ich setze mich in die Küche. Sure macht sich ans Geschirrwaschen, ich — über mein Buch.“ „Schon wieder das 'Buch? Nicht eine Minute kann ich ihm ins Gesicht sehen! Bei Tag steckt er im Shop, bei Nacht im Buch!“ — schmollt Sure. „Wenn du wüßtest, was in dem Buch steht, wärest du nicht böse.“ „Wenn es so interessant ist, warum erzählst du es mir nicht? Warum behältst du alles für dich?“ Und Lederer beginnt seiner Frau zu erklären, wie schlecht die heutige Gesellschaftsordnung ist: Es gibt Reiche und Arme, Menschen, die arbeiten und Menschen, die müßig gehen und gar nichts leisten. „Da hat er recht, so wahr ich lebe, er hat recht, der Autor!“ — bestätigt Sure. Und Lederer erzählt weiter, von der anderen Welt, von dem anderen Leben, das kommen muß, da alle Menschen glücklich und zufrieden sein werden; alle werden arbeiten und glücklich sein. „Geh’, geh’! Daß es jetzt schlecht ist, das glaube ich. Aber daß es besser werden wird, das glaube ich nicht“ — sagt Sure. „Einem Weib soll man keine halbe Arbeit zeigen!“ — Lederer tut, als wäre er böse. „Der Autor sagt doch, wann das sein wird, was man tun soll, damit es sich erfülle!“ „Was soll man tun — laß hören — daß es wirklich so wird?“ „Wenn alle arbeitenden Menschen Zusammenhalten, verstehst du? — wenn sie gemeinsame Sache machen; wenn alle für ein Ideal wie Brüder leben werden“ — beginnt Lederer seiner Frau zu erklären. „Das sage ich doch schon längst! Aber mit Schneidern willst du anfangen? Kann man denn mit Schneidern etwas anfangen?“ — Sure ist immer Skeptikerin gewesen.... Gewesenes und Künftiges flössen in Lederers Gedanken zusammen. Er wußte selbst nicht mehr, was gewesen war und was sein sollte. In seiner Phantasie sah er sich von einem Diskussionsabend oder von einem Kurs heimkehren. Er setzte sich auf Sures Bett und erzählte ihr alles, was dort vorgegangen war: „0 Sure, hättest du ihn nur gehört! Perlen waren seine Worte» Perlen!...“ „Warum soll er nicht gut sprechen? Dafür wird er doch bezahlt!“ „...Wann war das doch? Gestern? Warum soll ich nicht zurückkehren können? Warum nicht wieder das Leben neu anfangen, das ich einmal gehabt habe? ...“ Und es schien ihm, das eben, das sei das Leben, nach dem er sich gesehnt, auf das er gehofft und gewartet hatte in den langen Arbeitsjahren. Diesem Leben zuliebe hatte er so schwer und mühselig gearbeitet, hatte er alles daran gesetzt, um seine Kinder zu versorgen — alles nur, um dieses Leben von neuem beginnen zu können. „Das war es doch, was ich wollte, wonach ich gestrebt, worauf ich mich solange vorbereitet habe ...“ Jetzt war es klar und offen, als läge es auf der Hand: