Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-03-15 · 10 (15.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 37

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
10 (15.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-03-15
Page
Seite 37 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9162015--09264-9082172
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 10 Komanbeilage des „Jüdischen Echos1 37 „Doch wohin ist all das entschwunden? Wieso ist das große unsichtbare Glück erloschen, das in mir wohnte? .. „Ja, ich entsinne mich schon.... Nach und nach, nach und nach ist in mir das allgemeine menschliche Glück erloschen, hat sich die große allgemeine Hoffnung, die ich zusammen mit anderen Menschen hegte, von mir entfernt; ich habe sie gegen eine andere Hoffnung, gegen ein anderes Glück eingetauscht. Gegen ein Glück für mich allein, gegen eine Hoffnung für mich selbst. Das hat damals angefangen, wie ich mein eigenes Unternehmen begonnen habe.“ „Ich habe nur einen offenen Spalt jener Tür gesehen, die zu meinem Glück führte, und mit aller Kraft habe ich mich gegen sie gestemmt, um mir den Eintritt zu erzwingen...“ „Und damals ist etwas erloschen und etwas anderes hat sich entzündet. Was kümmert mich die Welt, die Menschheit? Was gehen mich die anderen an? Ich, Chaim Lederer, will gesichert sein, gesichert und versorgt fürs ganze Leben. Ich, Chaim Lederer, will mich nicht in Angst und Sorge zu Bett legen, in tote Saison, in Streiks oder andere Krisen zu geraten, wenn ich morgen zur Arbeit komme. Ich, Chaim Lederer, will sicher sein, fürs ganze Leben sicher sein, verstanden? „Was gehen mich die anderen an? Das ist unnützes Spintisieren, das sind Träume, kindliche Träume — über das, was geschehen wird, wenn der Messias kommt! Die Wirklichkeit bin ich, Chaim Lederer — ich, mein Fleisch und Blut, meine Frau und meine Kinder. Das ist real, ist sicher, ist da, ist heute — nicht das, was nach meinem Tode zu erwarten, zu erhoffen ist....“ „Ja, jetzt 'sehe ich ganz klar, wie alles gekommen ist. Chaim Lederer hat keine Diskussionen mehr besucht. Chaim Lederer hat sich nicht mehr mit dummen Büchern befaßt. Chaim Lederer hat nur einen Gedanken gehabt — Hemden. Immer mehr Hemden: zwölf Dutzend täglich, fünfzehn Dutzend täglich. Und Leinwand — Leinwand mußte beschafft werden, um jeden Preis, von den Händlern auf der Allan-Street oder direkt von der Fabrik. ...“ „Und um immer mehr Hemden zu haben, hat Chaim Lederer allem entsagt, alles verlassen — seinen Gott, seinen Glauben, seine Familie .... Er hat nicht Frau mehr, noch Kind gekannt — nur Hemden. Was hat es ihn gekümmert, wie seine Kinder aufwachsen, was für Wünsche sie haben, wer ihre Freunde sind, was sie lernen, was sie werden? Für Chaim Lederer hat es nur eines im Leben gegeben — Hemden, immer mehr Hemden. ...“ „Und um immer mehr Hemden zu haben, hat sich Chaim Lederer auch nicht mehr um seine eigene Frau gekümmert; er hat vergessen, wie sie aussieht, nicht bemerkt, daß sie sich ändert, eine andere Lebensweise, andere Gewohnheiten annimmt, andere Kleider, ja sogar ein anderes Gesicht trägt. Je mehr Chaim Lederer durch seine Hemden in die Höhe kam, desto mehr ist auch sein Haus in die Höhe gekommen, seine Frau, seine Kinder, seine Wohnung. Chaim Lederer hat es nicht gemerkt, nicht gesehen, er hat nur einen Gedanken gehabt — Hemden; je mehr Hemden, desto reicher wird Chaim Lederer sein, desto mehr versorgt, gesichert, gefestigt....“ „Und jetzt bin ich, Chaim Lederer, so weit. Ich bin gesichert und versorgt. Und die Frau ist fort, die Kinder sind fort, fort ist der Gott,, fort der Glaube, fort der Messias — nichts ist mehr da als Hemden, Geld und Hemden.. „Wer ist daran schuld?“ Warum gebe ich ihnen die Schuld? Was habe ich ihnen vorzuwerfen? Ich habe sie doch dem Leben zugeführt, in dem sie sich jetzt bewegen. Warum quäle ich sie? Was kann meine Tochter dafür, daß sich ihr Charakter so entwickelt hat, daß ihr Ideal ein Nürnberger ist? Ich habe sie doch so weit gebracht! ... Wie sie mich mit ihren Blicken angefleht hat, ich möge ihr Glück nicht zerstören! ...“ Erst jetzt begriff Lederer voll und ganz Stellas Unglück, die Angst und Sorge, die aus ihrem Blick gesprochen hatte, die Furcht, der Vater werde ihr Glück zerstören.... „Wie vor einem Kranken hat sie sich vor mir gefürchtet! — sagte er sich. „Was soll ich jetzt tun?“ — fragte er sich noch einmal — „Was soll ich tun? Soll ich nicht doch beginnen, das Leben meiner Familie zu leben? Warum stehe ich außerhalb?“ Er kam sich wie ein Bettler vor, der vor der Tür steht und durchs Fenster ins Zimmer blickt. Er sah seine Frau und seine Kinder das andere Leben leben, das er selbst ihnen geschaffen hatte. Doch er konnte nicht zu ihnen hineinkommen. Er sah neidvoll, wie sie lebten, und stand draußen. „Warum stehe ich draußen?“ — fragte er sich. — „Wenn ich dieses Leben geschaffen habe, bedeutet das doch, daß ich es gewünscht, daß ich darnach gestrebt habe. Warum stehe ich drüben? Warum nicht in dieses Leben eintreten, es genießen, mit vollen Zügen genießen, was ich erarbeitet habe, m i t ihnen leben, nicht sie stören, die Welt bereisen, Kalifornien sehen, Autotouren machen? Ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.