Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 10 (15.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 36 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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36 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 10 ben und Kartoffeln eine Suppe zu bereiten; sie hat es immer verstanden, im Geschäft etwas auf Kredit zu bekommen. Wenn alle Hoffnungen gescheitert waren, Sure hat immer Rat gewußt. ...“ Entsprach das Bild der Wirklichkeit oder war es nur eine Schöpfung seiner Phantasie? — Sure wurde in Lederers Gedanken zu einer herrlichen, wunderbaren Lichtgestalt, zum einzigen Freund und Gefährten, den er in seinem Leben gehabt hatte. Nie hatte er sie so gesehen, wie er sie in diesem Augenblick sah ... Und dann kamen die Kinder. Wie angstvoll und bekümmert hatte sie ihm jedes Kind angekündigt, das das Licht der Welt erblicken sollte! Und immer hatte er sie beruhigt und getröstet. Wohl hatte er gefühlt, daß die „Bürde“ schwerer wurde; doch um so süßer wurde es, sie zu tragen; um so mehr wuchs sein Mut, um so stärker wurde seine Arbeitsenergie und sein Arbeitswille, um ihr, seiner Frau, zu schaffen, was sie brauchte. ... „Das hat dir noch gefehlt“ — hatte sie zaghaft hinzugefügt, wenn sie ihm ankündigte, was ihr bevorstand, als wäre nur sie daran schuld. „Mache dir nur keine Sorge!“ — hatte er tröstend geantwortet — „Jeder Mund bekommt sein Brot!“ Und jedesmal, so oft sie ihm eine solche „Meldung“ machte, hatte er willig den Kopf gebeugt und freudig die „Last“ auf sich genommen. Das hatte ihn ja auch veranlaßt, etwas Besseres zu suchen: s i e sollte sich nicht mehr so plagen müssen! Dem zuliebe hatte er das Kreuz der „Wanderung“ auf sich genommen! Wie schwer war doch beiden der Abschied, die Trennung, als er in die weite Welt ging.... Noch in der letzten Minute, als alles schon zur Reise bereit war, rief sie: „Vielleicht doch lieber nicht, Chaim? So lange haben wir die Armut ertragen, wir werden sie weiter ertragen.“ „Ich werde doch nicht auf das hören, was eine Frau plappert!“ — so hatte er sich damals Mut gemacht; doch er hatte nicht gewagt, ihr in die Augen zu schauen, denn auf seinem Gesicht war etwas anderes zu lesen. ... Und dann die Jahre der Wanderung, des langen Wartens auf sie.... Freudig und voll glücklicher Erwartung hatte er Cent um Cent, Dollar um Dollar gespart, um sie hinüberzubringen. ... Und die langen Nächte auf dem Strohsack beim Landsmann, dem Bäcker, als er auf s i e wartete.... Das Glück des Wiedersehens .... die Freude, als er die Kinder auf dem Schiff erblickte... Dann hatte er sie in die Wohnung in der Norfolk-Street geführt, die er vorbereitet hatte.... Sein Ältester, Mojscliele hieß er noch, trug damals eine russische Mütze.... „Was für eine süße, traute Mütze hat der Junge doch damals getragen! ...“ Ein zufriedenes, frohes Lächeln lag auf den Lippen des alten Lederer, ein Lächeln der Freude über sein totes Leben. Schade, daß es finster und daß keiner der Seinen im Zimmer war und die Freude sehen konnte, die auf Lederers Antlitz lag, nach so viel Jahren der Trauer und des Ärgers.... Szenen aus der ersten Zeit ihres Lebens in Amerika tauchten auf, ihre gemeinsame Arbeit, ihr Heim im neuen Lande, Kinderkrankheiten, ärmliche, aber glückliche und zufri'edene gemeinsame Mahlzeiten, die Abende, da Sures Küchenschürze den Schweiß von der Stirn ihres Mannes wischte, ihre leisen Seufzer am Herd.... „Gott, o Gott, das war doch ein wahrhaft trautes Leben, ein Leben, das zu leben lohnte! Wo ist es hingekommen? Wohin ist es entschwunden?“ XI. K a p i t e 1. DIE GEBURT EINER IDEE. Und noch etwas war da; etwas, was eigentlich nicht da war, wie ein Lichtstrahl das armselige, alltägliche, einförmige Leben erhellte; jene „vollkommene, höhere Seele“, von der die jüdische Mystik spricht, das Leben in einer anderen, einer gerechteren, einer besseren Welt, das einst noch kommen muß. Lederer hatte einen Glauben gehabt, ähnlich dem Glauben der frommen Juden an einen gerechten Gott, an einen Messias und Erlöser, der einst kommen und lohnen wird. Um dieses Glaubens willen hatte er so gern an den freien Samstagen oder Sonntagen seine Bücher gelesen, deswegen hatte er so gern einen Diskussionsabend, eine Versammlung oder eine Vorlesung besucht. O die glückliche Zeit, auf die er zusammen mit allen anderen gehofft hatte — da die Menschheit frei sein wird, da es keine Unterdrücker und keine Unterdrückten geben wird! O die goldene Zeit! So fest hatte er daran geglaubt, daß sie kommen würde, daß sie kommen mußte; das war seine Religion gewesen, sein Messias, sein Gott! „Wohin ist der Lichtstrahl entschwunden, der das armselige, alltägliche, sorgenvolle Leben mit dem Glanz des Glaubens an einen Messias, an eine bessere Welt erfüllt hat? ...“ „Jetzt habe ich es, was ich ersehnt, was ich gewünscht und erhofft habe in den Jahren der Arbeit! Dieser Glaube an etwas Schöneres, Besseres, Gerechteres war es! ...“