Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 10 (15.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 38 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9162015--09265-9082173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
38 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 10 will ins Theater gehen wie sie, Karten spielen wie sie. Ich will leben, leben, leben.“ Doch dieser Aufschrei Lederers verhallte wie in einem hohlen Faß; es tönte kein Widerhall in ihm selbst. Kein Verlangen nach diesem Leben erwachte in ihm: „Reisen — wohin? Ich bin in meinem Leben genug gereist, auf unbequemen Bahnen, in fremde, langweilige Städte, habe mich von Hotel zu Hotel geschleppt. Soll ich wieder rumpeln? Das Reisen ermüdet mich bloß und verursacht mir Übelkeiten. Und dann — was wird das Fazit sein? Was werde ich davon haben? Wird das Reisen mir den Glauben an etwas Besseres wiedergeben? Wird das Reisen der Lohn für mein ganzes Leben sein, das ich bei den Hemden verbracht habe? Soll das mein Ideal gewesen sein, nach dem ich gestrebt habe?... Soll das vielleicht das neue, das richtige, das schönere und bessere Leben sein — daß ich auf einem weichen Sessel sitze?“ — er betastete den Stuhl, auf dem er saß. — „Doch was macht es mir aus, in was für einem Zimmer ich wohne? Mein ganzes Leben lang habe ich mich nicht darum gekümmert. Und gesetzt den Fall, ich verschwägere mich schon mit den Nürnbergers — werde ich dadurch glücklich sein? Werde ich ruhig und zufrieden sein? Oder vielleicht, wenn ich einem anderen Nürnberger einen Besuch abstatte und mich mit ein paar alten Weibern an den Kartentisch setze? Soll das mein ,Leben4 sein?...“ Und dann trat das Alter ein und stellte sich vor Lederer hin: „Wie lange kann ich überhaupt noch leben, denken, fühlen? Acht oder zehn Jahre noch, vielleicht auch — wer kann das wissen? — noch weniger. Und was sind acht oder zehn Jahre in einem Menschenleben? Sovielmal zehn Jahre sind in meinem Leben schon vorübergezogen wie ein Schatten, ein Nichts... als wäre es erst gestern gewesen... und ich stehe am Rande des Lebens ...“ „Gesetzt, ich unternehme schon eine Vergnügungsreise; wieviel Mal kann ich reisen? Und was wird nach meiner Rückkehr sein, was wird weiter sein? ...“ „Nein. Wenn s i e so leben wollen — wohl bekomm’s! Ich habe nichts dagegen, ich werde sie nicht stören. Ich habe kein Recht dazu. Sie fühlen sich dabei glücklich und zufrieden — mögen sie genießen, was ihnen Freude macht. Ich habe dafür gearbeitet und alles geopfert, damit sie all das haben; wenn sie sich darin wohl fühlen, warum soll ich sie stören? Ich aber muß mir etwas anderes suchen. etwas eanz anderes ...“ „Doch was? Was? . „Warum nicht wieder das Leben beginnen, das' ich einmal gehabt habe?“ „Das Leben im Shop?“ widersprach eine Stimme in seinem Innern. „Ja, das alte Leben, das ich hingeworfen habe dem neuen Leben zuliebe, welches ich mir schaffen wollte. Das einfache, bescheidene, ärmliche Leben, das ich einmal geführt habe, wie ich jung war....“ Die Phantasie malte Lederer Bilder dieses neuen, altneuen Lebens aus: „Ich werde im Shop arbeiten und Sure wird daheim sein und für mich kochen. Wir werden beide ganz bescheiden leben, doch zufrieden.“ „Du wieder ein Arbeiter?“ — lachte die andere Stimme in seinem Innern höhnisch auf. „Ja, warum denn nicht?“ — versuchte er der anderen Stimme zu entgegnen. — „Ich werde alles den Kindern überlassen, alles, was ich besitze, was ich für sie aufgehäuft habe. Mögen sie sich dessen freuen und glücklich sein. Sie brauchen mich nicht mehr. Sie sind versorgt. Und ich selber werde fortgehen....“ „Wohin willst du gehen?“ „Zurück, dorthin, wo ich glücklich war ...“ Eine nie gekannte Sehnsucht erfaßte ihn nach dem Leben, das er einmal besessen hatte, das ihm jetzt so schön erschien. Und diese Sehnsucht ließ die Bilder dieses Lebens in allen Einzelheiten vor seinem Auge entstehen. Zunächst sah er sich fortgehen: Allein oder mit Sure? Das hängt von ihr ab. Ja, mit Sure, mit der alten Frau. Gar nichts wird mitgenommen, alles zurückgelassen. Wir verschwinden ganz einfach, und niemand weiß, wo wir hingeraten sind. Über Tage sitze ich irgendwo in einem Shop. Ich bin einer der vielen „Rücken“, die ich neulich bei mir im Shop gesehen habe. Ich will einer von ihnen sein — mit ihnen. Ich will — „sie alle“ sein. Wie sie will ich meinen Glauben und meine Hoffnung wiederbekommen. Wie sie alle, will ich auf etwas Besseres, Gerechteres warten, nicht bloß für mich, sondern für alle. Mein Glück soll das Glück aller sein, meine Freude, meine Hoffnung — aller Freude, aller Hoffnung, so wie es einmal war. Dieser Welt bin ich entwachsen. Es war meine Welt und in sie will ich zurückkehren....“ Mit einem Male sah er sich als bescheidener Arbeiter; er war nie Unternehmer gewesen, hatte seine Arbeit nie verlassen. (Fortsetzung folgt)