Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 10 (15.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9162015--09262-9082170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 10. Fortsetzung Seine Hände hatten im Shop gearbeitet, sein Körper sich wohl auch im Shop befunden, — doch er hatte es nicht gefühlt. Denn seine Augen, seine Gedanken und sein Herz waren anderswo gewesen. Ungeduldig hatte er den Glockenschlag erwartet, da er die vier Wände, in denen er sich befand, verlassen konnte. Kaum hatte er sie verlassen, so sah er sie nicht mehr, war er nicht mehr dort, sondern daheim, bei seiner Frau, bei seinen41 Kindern, bei seinen Büchern und bei seiner Zeitung, bei seinem Traum eines anderen, eines neuen Lebens. „Sonderbar!“ — ging es ihm durch den Sinn — „Wie ich ein armer Mann, ein hungriger, versklavter Arbeiter war, da habe ich den Shop nicht gefühlt und nicht gehabt. Ich fühle ihn erst, seit ich reich geworden bin ...“ Und ohne es zu wollen, verglich er sein Leben als armer Arbeiter mit dem späteren Leben, da er auf eigenes Risiko zu arbeiten und reich zu werden begann. Vor den Augen des ruhelos auf- und abgehenden alten Mannes zogen Bilder früherer Jahre und früherer Tage vorbei. Vielleicht weil die Zeit seiner Armut mit seiner Jugend zusammenfiel, waren gerade die Bilder, die ihm die Armut malte, so froh, so still und gut, so traulich und so wohltuend, wie sie wohl, als sie Wirklichkeit waren, nie gewesen ... Des Shops erinnerte er sich überhaupt nicht aus jenen Jahren, da er als armer, gewöhnlicher Arbeiter bei Fremden geschuftet hatte. Der Shop war in jenen tiefen, dunklen Abgrund versunken, der den Strom unserer bösen Tage in die finstere Höhle des „Nichts“ münden läßt, wo sie dem Gedächtnis entschwinden. Was Lederer jetzt sah, was jetzt in seiner Erinnerung aufstieg, das waren nur jene glücklichen Augenblicke in seinem Heim, da er Sures Wärme, ihre Anteilnahme an seinem Schicksah ihr Mitfiihlen nnrl Mi flehen aus allen ihren Bewegungen, aus jedem ihrer Worte und jeder ihrer Gesten, aus ihren leisen Seufzern, ihrem Lachen, ihrer Freude und am stärksten aus ihrer Stimme herausgefühlt hatte. Ja, ihre Stimme war damals ganz anders gewesen ... Hoffnung auf bessere Tage hatten sie damals keine. Vielleicht wünschten sie gar keine besseren Tage. Sie besaßen bloß das bißchen einförmigen Lebens, das der Tag brachte. Und dieses einförmige, nüchterne Leben verschlangen sie mit dem ganzen Heißhunger ihres unendlichen Wollens und schufen daraus das Beste, das sie vermochten. Sie besaßen Jugend und Liebe und schenkten einander das einzige, was sie zu geben hatten—ihre Jugend und Liebe; die schenkten sie einander aus vollem Herzen, mit all’ ihrem Wollen und Wünschen. In dem unbewußten Wunsch, dieErinnerung an jene guten Zeiten, die er sich in Gedanken ausmalte, festzuhalten, hielt Lederer, ohne es zu merken, in seinem ruhelosen Auf und Ab inne, setzte sich nieder und drückte die Hand an die Zähne, als wollte er mit dem Munde die alten Zeiten anhalten. Szenen aus Rußland tauchten auf, aus jener Zeit, da er Sure im Stadtpark von Lodz kennengelernt hatte. Sie war Arbeiterin gewesen wie er, hatte derselben Schichte wie er angehört. Lederer hörte noch einmal, wie sie beide die Gründung ihres armseligen Heims besprachen. Tage der Arbeitslosigkeit tauchten auf, da er ganze Tage hungrig durch die Straßen von Lodz geirrt war und sein Hirn zermartert hatte, wie er ein paar Groschen auftreiben sollte, weil er nicht mit leeren Händen heimkommen wollte. Kam er dann am Abend heim, so fand er statt eines trüben Gesichtes Trost aus guten trauten Augen und eine Schüssel gute Grütze. „Woher hat sie nur die Grütze genommen? Ja, Sure war immer eine Künstlerin darin, aus nichts, aus Resten vom Nachtmahl des Vortages, aus ein paar gelben Rii-