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Das jüdische Echo · 1929-03-08 · 10 (8.3.1929) · p. Seite 154

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
10 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
Seite 154 (sequence 19)
Language
German
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154 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage Nr. 10 Art eines jüdischen „Intellektuellen“ angeeignet. Er war nichts weniger als ein Intellektueller, sondern eine künstlerische, phantastische, geradezu verspielte Natur. Wenn man jenes, der erlittenen Überanstrengung gar nicht gewachsene Bonmot Heines auf ihn anwenden wollte, müßte man weit eher einen „Hellenen“ als einen „Nazarener“ in ihm sehen. Aber es wird nie gelingen, einen großen Mann anders zu messen als an seinem eigenen Wesen, und darum muß alles Bemühen, diesen Mann — als Juden oder in anderer Hinsicht — anders als rein erzählend verständlich zu machen, Stückwerk bleiben. Daß das Buch von Maurois unter vernünftigem Verzicht auf alles Raisonnement nur erzählt, das ist seine große Stärke. Daß es aber — leider — von dem Juden Disraeli so blutwenig erzählt, das ist unser Jammer. Denn wie er sich nur in einem sublimierten Sinne als Jude betrachtete, so können wir nur in einem sublimierten Sinne ihn als deij unsrigen reklamieren. Das ist zunächst für uns betrüblich. Aber man könnte sich denken, daß jener schmerzlich-ironische Zug um die Lippen des Alternden um eine Nuance gemildert wäre, wenn er den negativ-jüdischen Erlebnissen, die für ihn reell waren, da seine jüdische Abstammung seinen Aufstieg erschwerte, auch reelle positive Erlebnisse hätte zur Seite stellen können. rst. Bücher Lassalle, Die Macht der Illusion. Die Illusion der Macht. Von Arno Schirokauer, Paul List Verlag, Leipzig. Der ungestüme Aufstieg des Jungen aus der Breslauer Judengasse, der im Alter von 15 Jahren seine Lehrer durch Üngebärdigkeit entsetzte, im Alter von 20 Jahren durch revolutionäre Taten die Politiker eines Kontinents, im Alter von 30 Jahren die Wissenschaft durch außerordentliche philosophische und juristische Leistungen aufhorchen machte und sein ebenso jähes Ende: der ungeheure Gegensatz zwischen der Herkunft aus anscheinend undurchdringlichem Dunkel und dem Wirken des größten deutschen Agitators vor aller Öffentlichkeit, zwischen den Lehren eines Sozialisten, eines Befreiers des vierten Standes und dem Leben eines Grandseigneurs — mußte dies nicht geradezu zu antithetischer und paradoxer Darstellung verlocken? Schirokauer ist dieser Lockung nicht gegen seinen Willen verfallen: er hat sie mit Jubel aufgesucht; er hat, anstatt diesen verwirrten, einen ungeheuren Aktionsradius umfassenden Lebenslauf mit Sorgfalt in seinen Einzelheiten bloßzulegen und dadurch vielleicht eine innere Einheit aufzudecken, sich begnügt, in aufgeregten, novellistisch gesehenen Szenen, Taten und Erlebnisse, Meinungen und Erfahrungen Lasalles aufzuzeigen unter reichlicher, allzureichlicher Verwendung psychoanalytischer Deutungsversuche — gewiß spannend, gewiß interessant, gewiß in vielen den Tatsachen entsprechend, ob aber im ganzen wahr? Auch ohne in dem Streit zwischen zünftiger und unzünftiger Geschichtswissenschaft Stellung zu nehmen, wird man sagen müssen, daß Schirokauers Urteile (etwa über Karl Marx, über die historische Leistung Lasalles für die deutsche Arbeiterbewegung) schief, seine Antithesen (etwa seine Darstellung oft sich widersprechend — es Bismarck-Lasalle) künstlich und gesucht sind, ist für diese im Übermaß vorhandenen und für manche anderen fehlenden Eigenschaften doch nur ein unzulänglicher Ersatz, daß das Buch sich liest wie ein Roman, wie ein sehr spannender Detektivroman sogar. Der kritische Leser freilich wird oft ein Vergnügen an den überspitzten Formulierungen und lapidaren Aussprüchen haben; der unkritische, dem die Mühe, sich auf Grund von Dokumenten ein eigenes Urteil zu bilden, voll und ganz abgenommen ist, nicht minder. Der Verlag hat alles, was in seiner Macht lag, getan, um durch gute Ausstattung und eine Reihe von Illustrationen dieses Vergnügen noch zu steigern. I. E. Chaplin-Bücher: Hallo, Europa! von Charlie Chaplin. Herausgegeben, übersetzt und bearbeitet von Charlotte und Heinz Pol. Paul List Verlag, Berlin. Charlie Chaplin. Bericht seines Lebens. Mit einem Vorwort von Charlie Chaplin. Von Erich Burger. Rudolf Mosse, Buchverlag, Berlin. Chaplin ist sicher einer der größten Humoristen seines Zeitalters — wenn er nicht der größte ist. Ist er Jude? Die Überzeugung, die man aus so vielen Filmen mit nach Hause nimmt: dieser Mann, der uns da immer und immer wieder den Typ des gedrückten, ungeschickten, komischen und doch tragischen, erfolglosen aber nie verzweifelnden passiven Helden, den Typ des „Schlemihls“ zeigt, der auch im Äußeren so jüdisch ist, er muß Jude sein, sonst könnte er nicht so spielen, wie er spielt — diese Überzeugung besteht offenbar doch nicht ganz zu Recht; Chaplin selbst leugnet wenigstens in seinem europäischen Reisetagebuch, daß er es sei. — Er sagt da einem kleinen Judenmädchen: „Nein, ich bin kein Jude, aber ich habe bestimmt davon einen Tropfen in meinem Blut. Ich hoffe wenigstens.“ Heinz Pol aber, der die Reisebeschreibung Chaplins einleitet, glaubt doch seine Kunst als englisch und jüdisch charakterisieren zu müssen. Wie dem auch sei: ob Chaplin Jude ist oder nicht —■ das jüdische Lexikon gibt die Auskunft, daß er als Sohn einer im 19. Jahrhundert nach England eingewanderten ostjüdischen Familie geboren sei ■—, ob er sich scheut offen und frei heraus zu bekennen, welche Elemente seines Wesens seine Kunst bestimmen, oder ob er dies tatsächlich selbst nicht weiß: man freut sich, über das Leben und die Kunst dieses einzigartigen und rein seiner Sendung hingegebenen Menschen mehr zu erfahren. Zwar hat er in Europa nicht eben viel und nicht eben viel Unerhörtes erlebt, und seine Filme sind unvergleichlich viel spannender als seine Schilderungen, seine Persönlichkeit, seine gar nicht einheitliche und im Grunde vielleicht sehr melancholiche Veranlagung, der Ehrgeiz des Schaffenden spiegeln sich in ihnen. Heinz Pol gibt als Vorrecht einen hübschen und gedankenreichen Essay, der beinahe eine reguläre Biographie geworden wäre. Das Buch Erich Burgers, „Der Bericht seines Lebens“, ist ein sehr eigenwilliger Bericht — ein Dityrambus auf den „Klassiker“ des Films. Aber Begeisterung ist immer eine schöne Sache, zumal wenn sie sich so sympathisch und klug, so verständnisvoll und — für den Film sowohl wie für Chaplin — optimistisch äußert, wie bei Burger, der seine Darstellung mit 121 charakteristischen Abbildungen unterstützt. Ernst Zahn. Tochter Dodais. Deutsche Verlags- Anstalt Stuttgart, Berlin, Leipzig. Der Roman, die Erzählung von Abisag, der Tochter Dodais, die in kindlicher Unschuld ihre

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