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Das jüdische Echo · 1929-03-08 · 10 (8.3.1929) · p. Seite 153

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
10 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
Seite 153 (sequence 18)
Language
German
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Nr. 10 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage 153 Literarische Beilage Benjamin Disraeli Von Ändrc Maurois Verlag S. Fischer, Berlin 1923. Bei einander verwandten Menschennaturen erweisen sich Ähnlichkeiten, auch wenn weite Entfernungen in Zeit, Raum und Abstammung die Lebensumstände noch so verschieden machen. Bis vor kurzem waren wir wohl geneigt, solche über die ganze Menschheit verbreitete Gemeinsamkeiten nur dann zu beachten, wenn sie in kleineren Menschheitsgruppen, „Rassen“ oder Völkern sich zeigen, und — mystisch — im „Blut“, oder — wissenschaftlich — in der „Erbmasse“ die Ursache der Gemeinsamkeit zu suchen. Heute aber beginnen wir uns wieder zu fragen, welchen Grund Natur und Geschichte haben sollten, sich den Einseitigkeiten unserer Formulierungen unterzuordnen, und der Krieg hat manche schöne Sicherheit von früher zweifelhaft gemacht. Disraeli hat, um solche Einseitigkeit zu überwinden, keines so großartigen Erweckers bedurft. Er stand als Intellekt über den Bindungen seiner Zeit und seines Milieus und gewann damit in seiner Zeit den Ruf einer diabolischen Natur; uns aber erscheint er gerade dadurch fast wie ein Zeitgenosse, als ob er außer seiner — aus einer engeren Welt — gesammelten Lebenskenntnis auch noch die unsrige, aus einer weiter gewordenen Welt gesammelten Erfahrungen hätte einheimsen können. Es ist wohl ein Stück jüdisches Schicksal, das hieraus spricht; die Welt war weit im Bewußtsein eines Mannes, dessen Großvater aus Venedig nach London gekommen war, und der in Venedig und dem Orient eine zweite und dritte Heimat träumend erblickte. In dieser geistigen Freiheit etwas Diabolisches oder Übermenschliches zu sehen, entspricht der menschlichen Gefühlsgebundenheit. Gerade der Mephisto sagt ja zu Faust: „Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewußt.“ An eine, so mephistophelisch weite Bewußtheit fühlt man sich gemahnt durch jene wunderbare Helligkeit in Disraelis Wissenschaft von den menschlichen Dingen. Wenn man aber bedenkt, daß auch Heine — der spezielle Ähnlichkeiten mit Disraeli; hat —, Goethe, Bismarck u. a. m. in ihren Zeitgenossen oft ähnliche Gefühle scheuer und doch bewundernder Abwehr hervorgerufen haben, dann wird man die Weite des Bewußtseins doch eher in der Genialität als in einem diabolischen Mangel von Gefühlsgebundenheit begründet sehen. Wenn es „Übermenschen“ gibt, dann gehört Disraeli zu ihnen. Wenn man sich aber überzeugen will, daß auch „Übermenschen“ kleine, liebenswerte, normalmenschliche Züge besitzen können, so wird man gerade aus der Disraeli-Biographie von Maurois lernen können, und zwar ohne alle Last gelehrten Studiums und in einer Zartheit und Feinheit, die ihresgleichen sucht. Das Übermenschliche in Disraelis äußerem Lebenslauf kennen wir längst. Daß der schwarzlockige Judentäufling Parlamentsmitglied, Parteivorstand und Minister wurde, war eine Leistung, die ihn in die Reihe der bedeutenden Männer stellt. In die Reihe der großen Männer würde er damit noch nicht treten, wenn man unter „Größe“ eine allseitige, oder doch vielseitige Bedeutung versteht. Man wäre im Gegenteil geneigt, in der Verbindung zwischen Karriere und Renegatentum eine Charakterschwäche zu suchen, die die wirkliche Größe geradezu ausschließt. Er hat aber vielfach bewiesen, daß er auch menschlich groß war. Auch nach seiner Taufe hat er sich stets zum Judentum bekannt — heute erscheint uns das seltsam genug, aber die Zeiten waren damals andere —, und er hat das aus freiem Entschluß und ungeachtet persönlichen Schadens getan, und nicht etwa, wie man so sagt, „freudig“ und „stolz“, sondern geradezu chauvinistisch, so daß man diesen Christen Disraeli sogar einmal als Prototyp für angeblichen jüdischen Chauvinismus angeführt hat (und zwar von sehr beachtlicher Seite; Brentano in seiner Akademiefestrede von 1916). Er hat sich nicht nur in seinen Romanen, sondern auch in seinen Parlamentsreden, wo die Gelegenheit es erforderte, mutig für jüdische Interessen eingesetzt. Daß das aus einem wirklichen jüdischen Solidaritätsgefühl heraus geschehen wäre, kann man natürlich nicht erwarten, zumal schon der Vater, wider seinen Willen in den jüdischen Gemeindevorstand erwählt, sich unter Empörung versagt hatte. Disraelis Eintreten für jüdische Interessen hatte seine Wurzel gewiß nur in seiner Abneigung gegen jede Rechtsverkürzung, beweist aber doch gerade dadurch seine überlegene geistige Freiheit, und ist eben darum ein Zeugnis für seine große Menschlichkeit. Es ist aber zugleich ein Anhaltspunkt dafür, wie selbst das schwierige Verhältnis eines Renegaten zum Judentum bei vorwaltender Gradheit des Herzens erleichtert und zurechtgebogen werden kann. Dabei ist allerdings zu bedenken, daß Disraeli das wirkliche Judentum gar nicht kannte (gewiß auch nicht kennenlernen wollte), und zwischen dem sublimierten Judentum, wie er es auffaßte, und seiner christlichen Religion keinen Unterschied machte. Seiner Herkunft nach sah er sich als einen Araber an („Araber sind Juden zu Pferde“), und der Religion nach waren ihm alle guten Christen — Juden. Mit der ersteren Idee war Disraeli seiner Zeit voraus: sein intuitiver Blick hat vorausgesehen, was später unsere Zeit über bluts- und rassemäßige Zusammenhänge denken würde. Mit der letzteren kommt er dem nahe, was neuerdings Buber, (Werfel) und sogar protestantische Theologen über die enge Nachbarschaft von Urchristentum und Judentum in der Wissenschaft und der tum und Judentum gelehrt haben. Daß sich Judentum und Orientalentum, Judentum und Christentum in der Wissenschaft und der Idee identifizieren ließen, hat Disraeli völlig genügt, dem die jüdische Wirklichkeit, in der sich „hart die Dinge stoßen“, zeitlebens ferngeblieben war. Man würde aber irren, wenn man glaubte, Disraeli habe sich diese sublimen Erkenntnisse nach

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